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Freitag, 3. November 2017

etymologie | huhau und hottehü. von französischen pferden und deutschen fuhrmännern.

Foto: pixabay
In einer lauen Sommernacht des Jahres 1815 bereitet der französische Maître Marie-Antoine Carême in der Küche eines feudalen Hauses in Paris einige seiner berühmten Delikatessen zu. Napoleon Bonapartes Niederlage bei Waterloo liegt 3 Wochen zurück, der selbstgekrönte Kaiser ist längst auf die Insel Elba verbannt, das Volk ist unruhig und zieht wütend durch die Straßen der französischen Hauptstadt. Das Wetter - es ist schwül, die Luft schwer - taugt nicht, um den Mob zu besänftigen. 

Carême ist für einige Wochen in den (ehemaligen) Pariser Palast Napoleons zurückgekehrt und kocht ein exquisites Menü für zwei Personen: Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand, der gerade die Bourbonen auf den Wiener Kongress vertreten und dabei geschickt günstige Bedingungen für Frankreich ausgehandelt hat, und Polizeiminister Joseph Fouché. Diese beiden hatten die Geschicke des Landes seit der Revolution in der Hand und wollen heute über die Zukunft der Nation entscheiden. Die Frage lautet: Monarchie oder Rückkehr Napoleons? 

Die Diener stecken noch in den Vorbereitungen für das Treffen, während sich Fouchés Kutsche ihren Weg durch aufgeregte Menschenansammlungen bahnt. Fouché denkt opportunistisch: Während er auf der einen Seite eine mögliche Rückkehr Napoleons plant, kommt er gerade aus Gent, wo er mit Ludwig XVIII. und Metternich konspirierte, falls die Rückkehr Napoleons nicht glücken würde oder nicht von langer Dauer wäre. Unruhe herrscht im Volk, mit Fackeln und Stöcken bewaffnet streifen sie durch die Straßen und Gassen, immer auf der Suche nach einem Verantwortlichen. Die Kutsche holpert über das grobe Kopfsteinpflaster, der Kutscher treibt seine Pferde durch die marodierenden Massen und intoniert energisch Üüü Üüü! 

Welch Pathos! Die dramatische Situation ist hin! Die aufgeladene Atmosphäre verpufft! Ich schaue erstaunt auf – und lache. Der spannende Filmanfang, den ich eben beschrieben habe, wandelt sich für mich in ausuferndes Kichern. Natürlich klingt es nur so, die französische Sprache schreibt Hue und nicht Üüü.

Warum rufen Franzosen ihren Pferden Hü zu? Auf zur Suche! 

Freitag, 20. Oktober 2017

schlicht falsch | hanebüchen: keine hecke macht kikeriki.

Es kommt nicht oft vor, wird aber mit großer Wahrscheinlichkeit falsch geschrieben – das Adjektiv hanebüchen. Meist wird es mit h geschrieben und gerne auch hahnebüchern, also mit r. Beides ist falsch, denn hanebüchen hat nichts mit Federvieh, und auch nichts mit bedrucktem Papier zu tun. 

Verwendung 

Es gibt hanebüchenen Unsinn, hanebüchene Lügen, jemand mag zu hanebüchener Unverfrorenheit neigen und etwas kann hanebüchen sein. 

Bedeutung und Synonyme 

Hanebüchen steht für unerhört, absurd, empörend, unmöglich, unglaublich, skandalös, bodenlos, ungeheuerlich, unmöglich, haarsträubend, himmelschreiend und haarsträubend. Im übertragenen Sinne bedeutet hanebüchen derb, grob und knorrig. 


Foto: pixabay
Herkunft 

Die übertragenen Bedeutungen von hanebüchen können wörtlich genommen werden, stammt das Wort doch von einem Baum, der Hainbuche, die wiederum aus Hagebuchenholz besteht. 

Die Hage- oder Hainbuche verfügt über einen recht glatten, seilartig gedrehten Stamm, was ihm ein knorriges Aussehen verleiht. Das Holz gilt als besonders hart und widerstandsfähig. Eine Hainbuche ist keine Buche, sondern ein Birkengewächs und nicht mit der uns bekannten echten Buche, der Rotbuche, verwandt. 

Hanebüchen stammt von einer älteren Form, dem Adjektiv hagebüchen, das wiederum von dem mittelhochdeutschen Wort hagen-büechîn (vom Holz der hagenbuoche (hainbuche, weissbuche)) kommt. 

Exkurs 

Im Wörterbuch der Brüder Grimm, das Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen wurde, gibt es hanebüchen nicht. Im Duden übrigens erst seit 1929. 

Die Grimms notieren hainbüchen, haimbüchen, hagenbüchen und heimbüchen, ergo hat sich im 19./20. Jahrhundert etwas verändert, sonst wären wir sprachlich nicht bei hanebüchen gelandet. 

Hagen-dorn oder Hage-dorn steht im Mittelhochdeutschen für den Namen des Teufels. 

Das Substantiv Hagestolz, der kauzige Junggeselle, beschreibt ursprünglich den Hagbesitzer, also den Besitzer eines mit Hagebuche umfriedeten Nebengutes. Hagestolz ist mit hanebüchen verwandt. 

Was dem Deutschen der Hain, also die poetische Umschreibung eines Gehölzes oder Wäldchens, ist dem Deutschschweizer der Hag, was kein Kaffee, sondern mittelhochdeutsch hac (Dorngesträuch, Gebüsch; Gehege, Einfriedung) und althochdeutsch hag (Einhegung, (von einem Wall umgebene) Stadt, ursprünglich Flechtwerk, Zaun) ist. Wie öfter der Zusatz: Schweiz, sonst veraltet.

Dienstag, 19. September 2017

… und ne buddel voll rum!

Heute ist, wie täglich, wieder einer dieser Tage, der unter einem Motto steht. Heute, am 19. September ist der International Talk Like A Pirat Day

Ins Leben gerufen haben ihn John Baur, Piratenname Ol' Chumbucket, und Mark Summers, Piratenname Cap'n Slappy, im Jahr 1995. Die Beweggründe? Das vermeintlich Goldene Zeitalter der Piraterie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. 

Ob es wirklich eine so idyllische Zeit war, das wage ich zu bezweifeln, die Umsetzung und damit die Anwendung der Seemannssprache, insbesonders des Piratischen im Alltag, nun, das kann man durchaus machen. Immerhin wollten die Begründer des Piratentages den Spaß nicht zu kurz kommen lassen, daher: Yo-ho-ho, Aye-Aye-Sir und ein markiges Arrrrr

Foto: pixabay

Mittwoch, 22. Februar 2017

ruhrdeutsch: ein pinn fleischwurst. eine spurensuche nach dem pinn.

Neulich beim Metzger meines Vertrauens. Vor mir ein männlicher Kunde, geschätztes Alter 50+, hinter der Theke eine Verkäuferin, (auf Nachfrage) 44 Jahre alt.

Ein Pinn Fleischwurst mit Knoblauch, bitte. 

Eine ganze? 

Nee, ein Pinn. 

Kennich nicht. Wie viel ist das?

Halt ein Stück. So 10 bis 15 Zentimeter.

Ich bin ein wenig erstaunt, schließlich ist genau dieser Ausdruck feinster Lokalkolorit und völlig üblich. Dachte ich. Ist aber nicht (mehr) so, viel mehr war es wohl so. Daher widme ich diesen Artikel dem Pinn Fleischwurst. Gerne mit Brötchen. Das gehört dazu, wahlweise mit Senf.

Foto: Barbara Piontek

Fleischwurst? Fleischwurst.

Fange ich vorne an, denn bereits Ausdruck und Wesen der Fleischwurst können durchaus Fragen aufwerfen. Es scheint eine lokale Lebensgewohnheit, Pardon, eine Essgewohnheit des Ruhrgebietes zu sein. Schließlich werde ich nördlich und südlich von hier in Sachen Fleischwurst schräg angeschaut. Was vielleicht daran liegen mag, dass allein das Wort und die Sache an sich, nämlich die Fleischwurst nicht im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt ist.

Bei einer Fleischwurst handelt es sich um eine (geräucherte) Brühwurst, die in anderen Gegenden Deutschlands unter dem Namen Lyoner bekannt ist. Wobei ich einwerfen muss, dass die Rote, wie die Lyoner im Raum Nagold genannt wird, schon etwas anderes als die heimische Fleischwurst ist. Farblich, geschmacklich und auch von der Größe und Konsistenz.

Im Ruhrgebiet gehört Fleischwurst zum Alltag und es lässt sich kaum ein Metzger finden, der keine herstellt oder anbietet. Abgepackt, eingeschweißt und als Massenware taugt sie nicht viel. Besonders ist heiße Fleischwurst, die direkt aus dem Kessel und dem Sud, in dem sie gebrüht wird, kommt und aus der Hand gegessen wird. Vielleicht noch mit oder in einem Brötchen, vielleicht einer Scheibe Toast, aber auf jeden Fall ohne Messer, Gabel und Teller. Das Ganze funktioniert eigentlich nur auf dem lokalen Wochenmarkt und ist eine Kindheitserinnerung und ein Stück Lebensqualität.

Kurz: Ich liebe Fleischwurst. Heiße, lauwarm oder kalte, ohne Senf, aber mit Brötchen. Fleischwurst geht morgens, zum Frühstück, zwischendurch, als Mahlzeit, Snack, abends, nachts und eigentlich immer. Und das geht nicht nur mir so, auf Baustellen, in Büros oder zwischendurch auf dem Parkplatz wird nicht, wie den Eingeborenen des Ruhrgebiets so oft unterstellt, Currywurst gefuttert, nein, es ist durchaus die Fleischwurst, eben, ein Pinn Fleischwurst. Gerne auch in oder mit einem Brötchen dabei und dazu. Und danach eine Currywurst. Oder davor und dazu. Oder gar nicht und einzeln. Currywurst geht halt immer, Fleischwurst sowieso.

Wortsuchereien nach dem Pinn.

Damit sind wir beim Maß aller Dinge – dem Pinn. Pinn ist ein Wort, das im Ruhrgebiet allerlei Verwendung findet: Pinne sind Beine, die ich mir durchaus in den Bauch stehen kann, ein Pinn inne Fott ist der Stock im Allerwertesten, der bildhaft die Steifheit mancher Menschen beschreibt, der Pinn ist ein Hebel, der betätigt werden will, Pinnchen oder Pinneken heißt das Schnapsglas für den Kurzen und ein Pinn ist ebenfalls ein (dürrer) Baum, ein Zweig, ein Ast, ein Stock.

(Lesenswert in diesem Zusammenhang ist der einzige in den Weiten des Internets vorhandene Text, der den Pinn Fleischwurst erwähnt und sich mit dem Pinn beschäftigt.)

Der Duden kennt die Pinnwand, die Pinnnadel, die Pinne, die Pinna (übrigens eine Vogelmuschel des Mittelmeeres) und die Verben pinnen, anpinnen, abpinnen (abschreiben), aber ein Pinn? Nichts zu finden, nichts zu wollen.

Weitersuchen, zurück zu den Wurzeln, zu Grimms Wörterbuch. Und dort ist etwas zu finden, das passen könnte. Denke ich, denn die Erklärungen klingen logisch. Vorsicht, nun wird es ein wenig kompliziert, es geht um 5 Ecken und über 3 Brücken:

Ein Pinn ist etwas hartes, relativ kleines, zum Beispiel ein Nagel, was die Form des Pinnes Fleischwurst erklären könnte. Jedenfalls wenn die Fleischwurst nicht besonders gut ist, denn dann ist sie hart und nicht so lecker. Und diese kann ich in ein Brötchen schieben. So ich will.


Gehe ich weiter, lande ich bei Pfinne und Pfinnig, wo ich unter 2 und Pfinnig wirklich etwas mit Fleisch finde. Könnte auch passen, da wir im Lebensbereich Ruhr das f weglassen; d. h. wir haben kein Pferd, sondern ein Ferd, was genauso klingt wie fährt, falls also ein Ferd fährt ist das in heimischen Gefilden gar kein Problem und aus Pfinne kann problemlos ein, ähm, Finn werden. Mist, das war nichts.


Vielleicht ist sowieso alles viel einfacher und es handelt es sich ganz einfach um den Pinn, an dem die Fleischwurst nach dem Brühen oder im Laden des Metzgers aufgehangen wird? Oder die Fleischwurst wurde früher nicht mit einem Bindfaden zugebunden, sondern mit einem Pinn verschlossen, damit die Pampe nicht in die Brühe lief?

Der Pinn – ein Pole?

Die Sprache des Ruhrgebietes ist aber nicht nur mannigfaltig, verliert in der Aussprache gerne mal die ein oder andere Silbe und verkürzt sich mit Vorliebe, sie gibt sich Einflüssen anderer Sprachen hemmungslos hin und macht etwas daraus. Einer dieser Einflüsse kommt vermeintlich aus Polen; es existiert sogar die Bezeichnung Ruhrpole, wie Wikipedia mir mitteilt.

Der Pole an sich, entgegen aller gängigen Vorurteile, ein fleißiger, ruhiger Zeitgenosse, der im Ruhrgebiet nicht nur viel gearbeitet hat und selbiges heute noch tut, bereichert uns seit Jahrhunderten mit Speise, Trank und zuweilen mit Worten und Wörtern. So benutzen wir keinen Hammer, sondern einen Mottek. So das denn polnisch ist.

(Passend dazu hat ein ungemein netter, kluger und humorvoller Mensch, der bei mir bereits vor Jahren mächtig Eindruck hinterlassen hat, einen lesenswerten Artikel geschrieben. Der von mir geschätzte Herr, namentlich Heinz H. Menge, unterrichtete mich an der Ruhruniversität Bochum im Bereich Germanistik und nicht nur deswegen lege ich den Artikel gerne geneigten Lesern vor die Nase.)

Die sprachliche Einflüsse des Polnischen sind also mehr oder weniger belegbar vorhanden, daher stellte ich mir die Frage, ob der Pinn vielleicht so seinen Weg zu uns gefunden hat. Wörterbücher brachten mich nicht weiter, also habe ich Menschen gefragt, die des Polnischen mächtig sind. Leider ohne Ergebnis, bis ich meinen Getränkelieferanten anrief, der gebürtiger Pole ist und jedes Mal, wenn er meinen Nachnamen hört, der Meinung ist, ich sei ebenfalls eine und würde die Sprache beherrschen. Dem ist nicht so, sonst würde ich die Antwort ja kennen, doch dieses Mal nutzte ich die Gunst der Stunde und fragte ihn, ob er einen Pinn kennen würde. Kennt er, weiß er und es folgt:

Der Pinn – ein schlüpfriger Zeitgenosse.

Der Getränkemann, der an dieser Stelle anonym bleibt, erklärte mir, dass er den Pinn aus dem Polnischen als umgangssprachlichen Ausdruck für Pimmel kennt und es sich bei der Verkleinerung Pinorek dementsprechend um ein Pimmelchen handeln würde.

Ja, wir bewegen uns gerade in schlüpfrigen Sprachbereichen, aber unter uns: Das Ruhrdeutsche neigt zu derben Worten, vulgärer Direktheit und unverblümten Ausdrücken und im Sinne der Wahrheitsfindung muss ich mich sprachlich schon anpassen und mitmachen. Bestätigungen für diese Übersetzung, bzw. Interpretation habe ich allerdings nicht gefunden.

Doch, vielleicht im Kroatischen, wo das im Ruhrdeutschen gebräuchliche Wort Pimpek, das einen kleinen Hebel, Pin, Stift, Bolzen oder Gegenstand ebenso benennt wie der Pinorek, die Entsprechung oder besser Übersetzung von Penis, bzw. Pimmel sein soll. Wie weit auf kroatische Online-Wörterbücher Verlass ist, nun, das vermag ich nicht zu entscheiden.

Pinngröße – wie viel Fleischwurst ist ein Penis?

Ehrliche Antwort? Ich weiß es nicht. Ein Pinn bemisst sich in seiner Handlichkeit – er passt bequem in die Hand und bietet ausreichend Platz zum Abbeißen. Und er passt in ein Brötchen; wozu ein Loch in selbiges, also das Brötchen geprockelt wird oder es lapidar durchgeschnitten wird, dann der Pinn Fleischwurst unzerteilt zwischen die Hälfen gelegt und das Brötchen wieder zusammengeklappt wird – und guten Hunger.

Da sich die Größen von Händen unterscheiden, die von Brötchen und Fleischwürsten ebenfalls, ist die Pinngröße nicht genau feststellbar. Vielleicht existiert aus diesem Grund die Bezeichnung Pinn und kann mit einem Penis in Verbindung gebracht werden? Da weiß man auch nicht so genau, will es vielleicht nicht wissen und schweigt lieber dezent.

Was ich kann, ist die Größenabstufungen der undefinierbaren länglichen Dinge mitzuteilen: Der Pinn ist das größte Ding, es folgen der Pinorek und der Pimpek, deren Abgrenzung voneinander nicht so einfach ist, und dann folgt das kleinste Dingen, der Nupsi. Und der Eumel. Ach, es gibt noch sehr viel zu tun.

Donnerstag, 1. September 2016

helvetismen: warum die mieze in der schweiz ein büsi ist.

Achtung, Cat-Content! Ungewohnte Worte von mir, mag ich doch lieber Hunde als Katzen, dennoch: Es geht um Katzen, bzw. Chatz und Chätzli. Richtig, es geht um Helvetismen!

Was dem Deutschen die Miez, die Miezekatze und die Muschi, ist dem Deutschschweizer das Büsi. Und das/die Bus, Buus, Büsel und Büseli. (So ganz komme ich mit den alemannischen, bzw. helvetischen Artikeln nicht klar, daher bin ich mir nicht sicher, ob es die oder doch das heißt.) Wie kommt ein dermaßen sprachlicher Unterschied zustande? Und warum überhaupt Büsi?

Bratbär Spike the bump - Foto & Katze: Carola Heine

Etymologisches: Von der Katze zur Mieze

Um mir einen Überblick zu verschaffen, habe ich zuerst recherchiert, wie das Wort Katze in den verschiedenen Gegenden Europas und in heimischen Gefilden damals lautet und lautete. Grimms Wörterbuch war, wie immer, eine Quelle des Wissens: Die Herkunft des Wanderwortes Katze ist nicht gekrt, das Wort klingt überall ähnlich. Wir kamen über das althochdeutsche Wort kazza, bzw. chazza zum mittelhochdeutschen Wort Katze, das wir beibehalten haben. In den Niederlanden heißt es kat, im angelsächsischen Raum cat, im dänischen kat, bzw. hunkat (Katze) und hankat (Kater), im französischen chat, im spanischen gata und gato.

Spannender wird es, wenn es um Koseformen, wie Miezekatze oder eben Büsi geht. Die Schmeichelnamen entstanden aus dem Lockruf für die Samtpfote - ich denke, jeder kennt Miez, Miez, Miez oder miezmiez. Wie erwähnt, kenne ich mich mit Katzen nicht gut aus, daher kann ich nicht sagen, ob es sich wirklich so verhält: ... wie alle dergleichen lockrufe, lautmalend nach der stimme des thieres; es hat sich nachher als schmeichelname der katze selbst ergeben, die miez und die mieze, auch verdeutlichend die miezekatze ... (Quelle: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm

Während wir im deutschen Gebiet fast alle durch Miauen, Maunzen und Mauen von dem Wort Katze zu den mehr oder weniger ähnlichen Koseformen Miez, Mieze und Miezekätzchen kamen, sieht das in den uns umgebenden Ländern anders aus: In England gibt es puss, in Norwegen puse, im Elsass bise und bize, im Schwabenland buse und in der Schweiz busi und büsi. Sagt Grimms Wörterbuch, und denen glaube ich. Die Ähnlichkeiten sind vorhanden, außer zum Deutschen, woran immer das nun wieder liegen mag.

Dort, im Wörterbuch, wird allerdings ebenfalls erwähnt, dass mit bus und busch in der Deutschschweiz auch Kälbchen angelockt werden und ein Kalb auch buschi, buscheli, buseli oder büseli genannt wird, was wiederum gleichfalls für andere junge Tiere gelten kann. Denn, wie könnte es anders sein, natürlich gibt es in der Deutschschweiz immer einen oder mehrere Diminutive. Es ist wohl etwas kompliziert!

Spike, seines Zeichens Bratbär. Foto, Kater und Erklärungen zum Wort Bratbär: Carola Heine
 
(Keine) Ausnahme Alemannien

Jedenfalls machen wir es alle, in allen Sprachen: Wir (ich eher nicht, aber ihr) rufen und locken Katzen. Der Engländer ruft zum Beispiel puss, puss, puss!. Von dort, und möglicherweise von unserem Kosenamen Muschi, kommen wir vielleicht in den alemannischen Sprachraum, wo die Katze mit den Wortlauten bus bus! oder büs-büs! angelockt wird. (Grüße von der Lautverschiebung!)

Das wäre die Erklärung! Allerdings gehen die Schweizer etwas weiter, denn dort gibt Redewendungen und Phrasen, in denen die Mieze vorkommt. Beispiele:

Em Chätzli Büseli sääge bedeutet Beleidigungen mit Schmeicheleien zu verbinden.

S Isch Büse was Bäse bedeutet das beides gleich schlimm ist.

Büsele-bäsele, Büseli-Bauseli mache bedeutet (übertrieben) rücksichtsvoll mit jemanden verfahren.

Und dann kommt auch wieder das Kalb ins Spiel: Tue wien es Buseli steht für mutwilliges Herumtollen.  

Haben wir so etwas auch? Mir fällt nicht viel ein, außer vielleicht abgehen wie Schmidts Katze

Exkurs: Flaum und Flausch - vielleicht eine Erklärung
  
Ich frage mich, ob eine deutsche Katze miezt, eine englische pusst und eine Schweizer büst oder wir uns das nur einreden? Und ich bin mir in Sachen Lautmalerei und Miezekatze nicht ganz sicher und mutmaße frohgemut, dass die Koseformen vielleicht mit dem Flauschigen der Katze zu tun haben, denn Büsel und Büseli bezeichnen in Deutschschweizer Dialekten auch etwas Flockiges, Zottiges, oft von kugeliger Form, eine Troddel oder Quaste, zum Beispiel Samenfederchen des Löwenzahns oder Blütenkätzchen der Weide oder Haselnuss. Und Büseli wird dort auch ein breitblättriges Wollgras genannt. Buslig bedeutet wollig und flockig - könnte das vielleicht von der Katze ausgehen oder andersrum, die Katze wurde nach der Natur bekost? Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, dass die Busle, im Vergleich zum Büsi, große Katze oder dicke Frau bedeutet. 

Na bitte, wieder ein Rätsel.

PS: Entnommen habe ich die Redewendungen und Satzglieder der letzten beiden Absätze dem Zürichdeutschen Wörterbuch, das der Mann mit in die Ehe brachte.

PPS: Und wer mehr über die Herkunft der Bezeichnung Muschi wissen möchte, empfehle ich diesen schönen Artikel zum Thema: Muschi gesucht

Dienstag, 16. August 2016

schibbolethe & helvetismen: so richtig schoppen.

Jau, ganz richtig gelesen und auch kein Tippfehler! Es geht ums Schoppen, was lediglich im entfernten Sinne mit dem Shoppen zu tun hat und auch nichts mit dem Schoppen Wein oder Bier. Shoppen mache ich nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Beim Schoppen sieht es anders aus. Wenn auch nicht viel. Dem Schoppen gehen wir alle ab und an nach, denke ich.

Schibbolethe sind schön! 

Ich fange besser vorne an. Mit dem Schibboleth. Das ist nämlich ein Erkennungszeichen, ein Losungswort und ein Merkmal. Letzteres trifft in diesem Fall zu, denn so ein Schibboleth kennzeichnet die sprachliche Herkunft, bzw. die sprachliche Besonderheit, mit der sich ein Sprecher einer regionalen oder/und sozialen Gruppe zuordnen lässt. Oder anders: Unsere Aussprache und unsere Wortwahl verraten unsere Herkunft. Schibbolethe können wir nämlich nicht einfach abstellen, meist wissen wir nicht einmal, dass wir welche haben. 

Sie sind international und in allen Sprachen, bei allen Menschen und an allen Orten der Welt zu finden. Meine Abstammung ist gemischt, d. h. meine Schibbolethe kann ich zumeist im Ruhrgebiet verorten, was zuweilen deutlich hör- und erkennbar ist. Der Name der Nachbarstadt Dortmund ist so ein Beispiel, denn ich sage Doatmund. Immer. Oder Bannhoff, und nicht Bahnhof.

In der Schweiz! In der Schweiz! In der Schweiz!

Der weltbeste Mann, der eindeutig, nachweislich und auf jeden Fall meiner ist, ist Schweizer - und verfügt daher über eine Fülle von Schibbolethen. Von Haus aus und ohne große Anstrengung. Gut, er spricht nicht Deutsch wie Emil, der übrigens eine Schweizer Variante des ganz gewöhnlichen Standarddeutschen oder Schweizer Hochdeutsch spricht und nicht, wie wir oftmals glauben, einen Schweizer Dialekt zur Schau trägt - dennoch schimmert selbst bei meinem Gespons der helvetische Einschlag durch. Zum Beispiel bei der Betonung und der Aussprache - und bei der Wortwahl und der Wortbedeutung, womit wir bei den Helvetismen sind. 

Schweizerdeutsch, das es so gar nicht gibt, nennt einen überreichen Schatz an Wörtern sein Eigen, die wir hier im Norden gar nicht kennen. Ja, richtig gehört, für ziemliche viele Schweizer bin ich als Bochumerin eine Norddeutsche, was daran liegt, dass alles südlich von, hm, sagen wir mal Karlsruhe sprachlich immer fremder wird. Das liegt wiederum daran, dass das Schweizer Standarddeutsch und die Schweizer Dialekte dem Alemannischen entstammen und keine eigene Sprache sind. Bevor die Empörung der Helveten über mich kommt, wechsel ich nonchalant zum Wort und Verb schoppen.
 
Rein oder raus: Schoppen im Süden und im Norden

Während ich, wenn ich schoppe, zum Beispiel ein T-Shirt ein wenig aus der Hose ziehe oder die Socken locker nach unten drappiere, sieht das bei meinem Herzallerliebsten ganz anders aus: Wenn er schoppt, stopft er Kleidung in Kleidung hinein. Wenn er sein T-Shirt schoppt, engt es ihn nicht wie bei mir ein und sitzt zu stramm - es hängt an ihm herum und er stopft es in die Hose. Ich ziehe rein, er heraus. Ich bausche (auf), er stopft (hinein). Bayern, Österreicher und Schweizer gehen dem Hineinstopfen nach, wir anderen dem Bauschen, alle schoppen wir.

Etymologisch kommt schoppen aus dem Mittelhochdeutschen und zwar von dem mittelhochdeutschen Verb schoppen, einer Intensivbildung des Verbes schieben. Interessanterweise lautete der althochdeutsche Vorgänger scioban und der gotische tiuhan - Sprache lebt. Wie und wann es zur genauen Bedeutungsänderung des Wortes schoppen gekommen ist, wie weit die 2. Lautverschiebung, die die Deutschschweizer Dialekte nur bedingt mitgemacht haben, damit zu tun hat - nun, das würde vielleicht zu weit führen. 

Also, schnell das Deutscherschweizer Idiotikon, das Wörterbuch der Schweizer Mundarten, und das deutsche Pendant, Grimms Wörterbuch, aufgeschlagen und nachgeschaut. Und tada:

deutschschweizer dialekte helvetismen
 
schoppen hochdeutsch deutsch

Belassen wir es dabei, dass alle, die Deutsch sprechen, Kleidung schieben. Manche rein, manche raus. So ist das halt mit den Schibbolethen. Und nun denke ich über gesmokte Blusen und das Smoken an sich nach ...

Montag, 11. April 2016

redewendungen und rechtschreibung: wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Es mag Sie vielleicht erstaunen, doch die Redensart Wer zuerst kommt, mahlt zuerst hat rein gar nichts mit Malbüchern für Erwachsene und auch nicht mit den mehr oder weniger überzeugenden Kritzeleien Ihres Nachwuchses zu tun. Es geht schlicht und einfach ums Mahlen. Genauer: um das Mahlen von Mehl. Und ganz genau: Um eine Art gesetzliche Regelung des Mittelalters, in der das Mahlen von Mehl in der Mühlenordnung festgelegt war. Dementsprechend schreiben Sie bitte nicht malen, sondern mahlen - mit h. Dankeschön.

Foto: wortfeiler | Barbara Piontek

 

Der Sachsenspiegel: von der Kürze in die Länge


Falls Sie mehr wissen möchten, lesen Sie nun weiter. Die Redewendung ist kein sinnfreier Spruch, keine Bauernregel, keine christliche Belehrung - dahinter steckt etwas. Nämlich der Sachsenspiegel, der zwischen 1220 und 1235 entstand und das älteste Rechtsbuch ist, das wir haben. Vielleicht gab es ältere Aufzeichnungen, aber die haben wir leider nicht mehr, ergo:

Der Sachsenspiegel wurde von Eike von Repgow, der mit seiner Familie in Reppichau als Vasall der Erzbischöfe von Magdeburg lebte, geschrieben. (Wie und warum es die Repgows als Ostfalen aus Niedersachsen in die Provinz nach Sachsen-Anhalt verschlug, nun, das könnte prosaische Ursachen haben oder eine interessante Geschichte mit sich bringen - ich weiß es leider nicht.) Der Sachsenspiegel beruht (sehr wahrscheinlich) auf einem lateinischen Werk namens Auctor vetus de beneficiis und wir gehen davon aus, er wurde im Auftrag (von Kirche und/oder Adel) geschrieben und auch nicht alleine von Eike von Repgow. Im Sachsenspiegel geht es um Landrecht und Lehnrecht.

Der Sachsenspiegel ist eine ganz tolle Sache. Er ist nämlich nicht nur sehr alt, es handelt sich dabei auch um die erste Prosaliteratur, die in Mittelniederdeutsch verfasst wurde. (Weil wir nicht wissen, ob es davor noch etwas gab, gehen wir davon aus, es ist so.) Die Sache mit der Schriftlichkeit ist auch wichtig zu erwähnen, denn - aus welchen Gründen auch immer - war mittelalterliches Recht ein Gewohnheitsrecht, das mündlich überliefert wurde. Der Sachsenspiegel war so beliebt und erfolgreich, das er eine sehr große Verbreitung erfuhr, z. B. bis in die Niederlande, ins Baltikum, als Vorlage für andere Rechtsbücher galt und bis ins 19. Jahrhundert angewendet und verwendet wurde.

Regeln über Regeln und eine Mühlenordnung


Eine der vielen Regelungen des Sachsenspiegels ist die Mühlenordnung. Müller war kein sonderlich ehrbarer Berufsstand, sie standen stetig im Verdacht falsch zu wiegen, zu messen und zu rechnen. Und weil das schlecht fürs Geschäft war, und die Landesherren sich nicht dauernd Beschwerden anhören mochten und Geld verdienen wollten, kam ihnen die Mühlenordnung sehr recht. Jedenfalls findet sich in dieser Ordnung der denkwürdige Satz: Die ok irst to der molen kumt, die sal erst malen. Heute heißt er: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Dennoch stammt genau dieses Sprichwort aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts, aus dem Sachsenspiegel und der Mühlenordnung. 

Und wenn Sie nun doch etwas neugierig geworden sind und einen Blick in den Sachsenspiegel werfen möchten, so können Sie das problemlos und einfach: Der digitalisierte Sachsenspiegel steht für Sie bereit. Aber natürlich nur, wenn Sie in Zukunft Wer zuerst kommt, mahlt zuerst mit h schreiben.

Donnerstag, 24. März 2016

der posamentierer posamentiert posamenterien.

Manchmal entdecke ich in den Online-Ausgaben der Zeitungen und Zeitschriften ein kleines und sehr feines Juwel. Zum Beispiel diesen Artikel, in dem es um alte Berufsbezeichnungen geht. Die haben es nämlich in sich. Obwohl sie tot sind. Vielleicht haben Sie die ein oder andere Bezeichnung einmal gehört, aber wissen dann doch nicht, was das sein soll. 

Haben Sie schon einmal von einem Pocher gehört? Das ist nicht nur der Name des zuweilen nervigen Mannes, der über Ihren Bildschirm hüpft, nein, das war der zuständige Mensch im Pochwerk, wo Gestein zerstampft wurde. Gesellschaftlich angesehen waren weder die Arbeit noch der Pocher. 

Um eine Idee von alten Berufen und den dazugehörigen Tätigkeiten zu bekommen, ja, dazu reicht der kurzweilige Artikel durchaus – und glücklicherweise listet er auch weiterführende Lesetipps. 

Natürlich will ich mehr! Mehr Wissen und das jetzt und sofort! 

Nehmen wir doch den Posamentierer. Das war einmal ein Beruf, der gar nicht so selten vorkam. Ich habe allerdings keinen blassen Schimmer, nicht einmal eine Ahnung, was der Mann gemacht hat. Posamentierer. Hm, sagt mir nichts, aber auch gar nichts. 

Und ist ein Wort, an dem bereits die Rechtschreibprüfung meiner Textverarbeitung scheitert. Gehen Sie ruhig mal auf die Seite des Allzweckmittels, genau, auf www.duden.de und tippen Sie Posamentierer ein. Na, was passiert? Nicht viel und schlauer sind Sie nun auch nicht. Also, schnell auf Posamenterie geklickt, da muss es doch erklärt sein! Ich erfahre, dass es sich bei Posamenterien um Waren handelt und eine Posamenterie ein Geschäft ist, in dem Posamenterien angeboten werden. Hm, nun ja, das habe ich mir anders vorgestellt!

Also, flugs das Internet bemüht und schaumaleinerguck: Unter http://alteberufe.de (und auch http://www.historische-berufe.de) liegt er, der Hort der Informationen, der Quell mannigfaltiger Geschichten und die Möglichkeit, um stundenlang zu stöbern und zu lesen. 

Und da habe ich ihn gefunden, den Posamentierer. Und nicht nur, warum er so hieß und was er den ganzen Tag gemacht hat, nein, ich kenne nun auch die üblichen und gebräuchlichen Bezeichnungen des Posamentierers. Hübsch, nicht?





Und jetzt haben wir Ostern, ein paar Feiertage stehen an, das Wetter soll eher durchwachsen werden und Sie haben eine Menge Zeit, um zu lesen, zu staunen und zu kichern - über alte Berufsbezeichnungen und Tätigkeiten, die es heute gar nicht mehr gibt.