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Montag, 26. Juni 2017
ruhrdeutsch: lecker bremsklötze für zum essen.
Meine Sprache verrät, woher ich komme. Mein Vokabular kann mich auch in einer globalen Welt verorten. Blöd nur, dass genau das wohl doch nicht immer funktioniert. Jedenfalls nicht, wenn es um die Wurst, ähm, Frikadelle geht. So heißt der Fleischklops nämlich offiziell in meiner Gegend, dem Ruhrgebiet. Inoffiziell und weitaus häufiger ist aber die wenig schmeichelhafte Bezeichnung Bremsklotz. Ja, wirklich, wir machen, braten und essen kalte und warme Bremsklötze mit und ohne Senf. Dabei ist es egal, ob die Dinger ein bisschen zu lange oder scharf gebraten wurden - selbst blasse Frikadellen sind Bremsklötze.
An sich, denn auch Türstopper, Löwenköttel, Bauarbeiterpraline, Bärenköttel, Frikadösen und Friko kenne ich als Synonyme des Wortes Frikadelle. Mein Mann, der aus der Deutschschweiz stammt, nennt sie übrigens Hacktätschli und nur Hacktätschli. Klingt das eigentlich besser und ansprechender?
Und Ihr so?
Dienstag, 9. Mai 2017
etymologisches mit ruhrdeutschem und helvetischem einschlag: betrügerisches kamuff und kamelartiges kamuffel.
Sie wissen, als Ruhrgebietseingeborene teile ich Heim und Herd mit einem Deutschschweizer. Ich lebe also quasi in einer multikulturellen Ehe. Sie wundern sich vielleicht, aber glauben Sie mir, die sprachlichen und kulturellen Unterschiede sind ausgeprägt vorhanden. Glücklicherweise kennen wir das im Ruhrpott nicht anders, keiner von uns kommt ursprünglich von hier weg, und selbst ein indigener Zürcher hat hier Platz und seine Berechtigung.
Warum ich darauf hinweise? Nun, im Alltag ergeben sich für eine Germanistin mit Vorliebe für Linguistik erforschenswerte und aufregende Zufälle. Dieses Mal kennt er Kamuff, während ich Kamuffel kenne.
Kamuff und Kamuffel – die Bedeutung
Während das Schweizer Kamuff einen dummen, spaßigen Kerl oder Dummkopf bezeichnet, sieht es mit meinem Kamuffel einen Hauch anders aus: Das Kamuffel ist ein träges, bequemes, nicht unbedingt helles, aber recht harmloses Geschöpf. Kamuffel ist eher liebevoll denn grob beleidigend gemeint und wird meist zu männlichen Exemplaren der Gattung Mensch gesagt. Haben Sie schon einmal eine Frau Kamuffel genannt?
Im Ruhrdeutschen neigt das Kamuffel, wie das Kamel, zum Neutrum, in den Deutschschweizer Dialekten ebenfalls (was etwas ungewöhnlich ist, das Alemannische grüßt zumeist deutlich). Plural und Singular unterscheiden sich nicht, ein Kamuffel oder fünf Kamuffel, es tut sich nichts. Klar, so ein Kamuffel ist von Natur aus nicht gerade sehr bewegungsfreudig.
Kamel oder Halunke – der Ursprung
Im Unterschied zum Kamuff hat es das Kamuffel in den Duden geschafft, wo seine Herkunft dem Italienischen zugeordnet wird: Kamuff ist älter als Kamuffel, quasi ein Vorgänger, bedeutet Halunke oder Schuft und kommt von dem italienischen Wort camuffo, was so viel wie Betrüger oder Halunke bedeutet und eine Substantivierung oder Ableitung zu dem italienischen Verb camuffare, also betrügen oder täuschen, ist.
Nach Brockhaus Wahrig, der nicht online zu finden ist, soll es schlicht eine versteckte Weiterleitung von Kamel sein.
Küpper und Pons gehen einen Schritt weiter und finden, Kamuffel ist eine Verschmelzung aus Kamel und Muffel, wobei der Muffel laut Duden ein verdrießlicher, unfreundlicher Mensch ist. Das passende Verb muffeln, was so viel wie mürrisch, knurrig, etwas schlecht gelaunt bedeutet, hat seine Ursprung im mittelhochdeutschen Wort muffen oder mupfen, was den Mund verziehen bedeutet. Küpper und Wahrig datieren die Wortschöpfung Kamuffel übrigens auf 1800.
Das DWDS findet, Kamuffel ist hebräischen Ursprungs.
Das Schweizer Idiotikon weist auf den italienischen Ursprung von camuffo hin und meint, Kamuff sei ein Synonym oder eine Analogie auf das Kamel. Spannend sind die verschiedenen Ausformungen des Kamuff im Schweizerischen, die von Camúff, Kamüff, Kamóff, Ka(r)mufti, Kamuffer, Camüffer und Kamüffer bis zu Chumüff und Kanuff reichen.
Kamuff und Kamuffel – was denn nun?
Wenn Sie mich fragen, halte ich die Verbindung zum Kamel für wahrscheinlich. Allein deshalb, weil das italienische Verb camuffare (blenden) und das französische Verb camouflage (tarnen, vertuschen, verschleiern) für mich ebenso wenig passen, wie die Deutung über Betrüger, Schuft oder Halunke. Dafür sind das Schweizer Kamuff und das deutsche Kamuffel als träge Doofköppe doch eher nicht in der Lage. Das vielleicht vermeintlich gemütliche, etwas dumm anmutende Kamel passt da schon besser.
PS: Falls Sie von mir in nächster Zeit öfter das Verb camouflieren (bildungssprachlich tarnen, verbergen) hören, lassen Sie mir die Freude, es klingt so schön.
Warum ich darauf hinweise? Nun, im Alltag ergeben sich für eine Germanistin mit Vorliebe für Linguistik erforschenswerte und aufregende Zufälle. Dieses Mal kennt er Kamuff, während ich Kamuffel kenne.
Kamuff und Kamuffel – die Bedeutung
Während das Schweizer Kamuff einen dummen, spaßigen Kerl oder Dummkopf bezeichnet, sieht es mit meinem Kamuffel einen Hauch anders aus: Das Kamuffel ist ein träges, bequemes, nicht unbedingt helles, aber recht harmloses Geschöpf. Kamuffel ist eher liebevoll denn grob beleidigend gemeint und wird meist zu männlichen Exemplaren der Gattung Mensch gesagt. Haben Sie schon einmal eine Frau Kamuffel genannt?
Im Ruhrdeutschen neigt das Kamuffel, wie das Kamel, zum Neutrum, in den Deutschschweizer Dialekten ebenfalls (was etwas ungewöhnlich ist, das Alemannische grüßt zumeist deutlich). Plural und Singular unterscheiden sich nicht, ein Kamuffel oder fünf Kamuffel, es tut sich nichts. Klar, so ein Kamuffel ist von Natur aus nicht gerade sehr bewegungsfreudig.
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| Foto: Daniela Castro, |
Kamel oder Halunke – der Ursprung
Im Unterschied zum Kamuff hat es das Kamuffel in den Duden geschafft, wo seine Herkunft dem Italienischen zugeordnet wird: Kamuff ist älter als Kamuffel, quasi ein Vorgänger, bedeutet Halunke oder Schuft und kommt von dem italienischen Wort camuffo, was so viel wie Betrüger oder Halunke bedeutet und eine Substantivierung oder Ableitung zu dem italienischen Verb camuffare, also betrügen oder täuschen, ist.
Nach Brockhaus Wahrig, der nicht online zu finden ist, soll es schlicht eine versteckte Weiterleitung von Kamel sein.
Küpper und Pons gehen einen Schritt weiter und finden, Kamuffel ist eine Verschmelzung aus Kamel und Muffel, wobei der Muffel laut Duden ein verdrießlicher, unfreundlicher Mensch ist. Das passende Verb muffeln, was so viel wie mürrisch, knurrig, etwas schlecht gelaunt bedeutet, hat seine Ursprung im mittelhochdeutschen Wort muffen oder mupfen, was den Mund verziehen bedeutet. Küpper und Wahrig datieren die Wortschöpfung Kamuffel übrigens auf 1800.
Das DWDS findet, Kamuffel ist hebräischen Ursprungs.
Das Schweizer Idiotikon weist auf den italienischen Ursprung von camuffo hin und meint, Kamuff sei ein Synonym oder eine Analogie auf das Kamel. Spannend sind die verschiedenen Ausformungen des Kamuff im Schweizerischen, die von Camúff, Kamüff, Kamóff, Ka(r)mufti, Kamuffer, Camüffer und Kamüffer bis zu Chumüff und Kanuff reichen.
Kamuff und Kamuffel – was denn nun?
Wenn Sie mich fragen, halte ich die Verbindung zum Kamel für wahrscheinlich. Allein deshalb, weil das italienische Verb camuffare (blenden) und das französische Verb camouflage (tarnen, vertuschen, verschleiern) für mich ebenso wenig passen, wie die Deutung über Betrüger, Schuft oder Halunke. Dafür sind das Schweizer Kamuff und das deutsche Kamuffel als träge Doofköppe doch eher nicht in der Lage. Das vielleicht vermeintlich gemütliche, etwas dumm anmutende Kamel passt da schon besser.
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| Foto:
Kawtar CHERKAOUI,
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PS: Falls Sie von mir in nächster Zeit öfter das Verb camouflieren (bildungssprachlich tarnen, verbergen) hören, lassen Sie mir die Freude, es klingt so schön.
Mittwoch, 22. Februar 2017
ruhrdeutsch: ein pinn fleischwurst. eine spurensuche nach dem pinn.
Neulich beim Metzger meines Vertrauens. Vor mir ein männlicher Kunde, geschätztes Alter 50+, hinter der Theke eine Verkäuferin, (auf Nachfrage) 44 Jahre alt.
Ein Pinn Fleischwurst mit Knoblauch, bitte.
Eine ganze?
Nee, ein Pinn.
Kennich nicht. Wie viel ist das?
Halt ein Stück. So 10 bis 15 Zentimeter.
Ich bin ein wenig erstaunt, schließlich ist genau dieser Ausdruck feinster Lokalkolorit und völlig üblich. Dachte ich. Ist aber nicht (mehr) so, viel mehr war es wohl so. Daher widme ich diesen Artikel dem Pinn Fleischwurst. Gerne mit Brötchen. Das gehört dazu, wahlweise mit Senf.
Fleischwurst? Fleischwurst.
Fange ich vorne an, denn bereits Ausdruck und Wesen der Fleischwurst können durchaus Fragen aufwerfen. Es scheint eine lokale Lebensgewohnheit, Pardon, eine Essgewohnheit des Ruhrgebietes zu sein. Schließlich werde ich nördlich und südlich von hier in Sachen Fleischwurst schräg angeschaut. Was vielleicht daran liegen mag, dass allein das Wort und die Sache an sich, nämlich die Fleischwurst nicht im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt ist.
Bei einer Fleischwurst handelt es sich um eine (geräucherte) Brühwurst, die in anderen Gegenden Deutschlands unter dem Namen Lyoner bekannt ist. Wobei ich einwerfen muss, dass die Rote, wie die Lyoner im Raum Nagold genannt wird, schon etwas anderes als die heimische Fleischwurst ist. Farblich, geschmacklich und auch von der Größe und Konsistenz.
Im Ruhrgebiet gehört Fleischwurst zum Alltag und es lässt sich kaum ein Metzger finden, der keine herstellt oder anbietet. Abgepackt, eingeschweißt und als Massenware taugt sie nicht viel. Besonders ist heiße Fleischwurst, die direkt aus dem Kessel und dem Sud, in dem sie gebrüht wird, kommt und aus der Hand gegessen wird. Vielleicht noch mit oder in einem Brötchen, vielleicht einer Scheibe Toast, aber auf jeden Fall ohne Messer, Gabel und Teller. Das Ganze funktioniert eigentlich nur auf dem lokalen Wochenmarkt und ist eine Kindheitserinnerung und ein Stück Lebensqualität.
Kurz: Ich liebe Fleischwurst. Heiße, lauwarm oder kalte, ohne Senf, aber mit Brötchen. Fleischwurst geht morgens, zum Frühstück, zwischendurch, als Mahlzeit, Snack, abends, nachts und eigentlich immer. Und das geht nicht nur mir so, auf Baustellen, in Büros oder zwischendurch auf dem Parkplatz wird nicht, wie den Eingeborenen des Ruhrgebiets so oft unterstellt, Currywurst gefuttert, nein, es ist durchaus die Fleischwurst, eben, ein Pinn Fleischwurst. Gerne auch in oder mit einem Brötchen dabei und dazu. Und danach eine Currywurst. Oder davor und dazu. Oder gar nicht und einzeln. Currywurst geht halt immer, Fleischwurst sowieso.
Wortsuchereien nach dem Pinn.
Damit sind wir beim Maß aller Dinge – dem Pinn. Pinn ist ein Wort, das im Ruhrgebiet allerlei Verwendung findet: Pinne sind Beine, die ich mir durchaus in den Bauch stehen kann, ein Pinn inne Fott ist der Stock im Allerwertesten, der bildhaft die Steifheit mancher Menschen beschreibt, der Pinn ist ein Hebel, der betätigt werden will, Pinnchen oder Pinneken heißt das Schnapsglas für den Kurzen und ein Pinn ist ebenfalls ein (dürrer) Baum, ein Zweig, ein Ast, ein Stock.
(Lesenswert in diesem Zusammenhang ist der einzige in den Weiten des Internets vorhandene Text, der den Pinn Fleischwurst erwähnt und sich mit dem Pinn beschäftigt.)
Der Duden kennt die Pinnwand, die Pinnnadel, die Pinne, die Pinna (übrigens eine Vogelmuschel des Mittelmeeres) und die Verben pinnen, anpinnen, abpinnen (abschreiben), aber ein Pinn? Nichts zu finden, nichts zu wollen.
Weitersuchen, zurück zu den Wurzeln, zu Grimms Wörterbuch. Und dort ist etwas zu finden, das passen könnte. Denke ich, denn die Erklärungen klingen logisch. Vorsicht, nun wird es ein wenig kompliziert, es geht um 5 Ecken und über 3 Brücken:
Ein Pinn ist etwas hartes, relativ kleines, zum Beispiel ein Nagel, was die Form des Pinnes Fleischwurst erklären könnte. Jedenfalls wenn die Fleischwurst nicht besonders gut ist, denn dann ist sie hart und nicht so lecker. Und diese kann ich in ein Brötchen schieben. So ich will.
Gehe ich weiter, lande ich bei Pfinne und Pfinnig, wo ich unter 2 und Pfinnig wirklich etwas mit Fleisch finde. Könnte auch passen, da wir im Lebensbereich Ruhr das f weglassen; d. h. wir haben kein Pferd, sondern ein Ferd, was genauso klingt wie fährt, falls also ein Ferd fährt ist das in heimischen Gefilden gar kein Problem und aus Pfinne kann problemlos ein, ähm, Finn werden. Mist, das war nichts.
Vielleicht ist sowieso alles viel einfacher und es handelt es sich ganz einfach um den Pinn, an dem die Fleischwurst nach dem Brühen oder im Laden des Metzgers aufgehangen wird? Oder die Fleischwurst wurde früher nicht mit einem Bindfaden zugebunden, sondern mit einem Pinn verschlossen, damit die Pampe nicht in die Brühe lief?
Der Pinn – ein Pole?
Die Sprache des Ruhrgebietes ist aber nicht nur mannigfaltig, verliert in der Aussprache gerne mal die ein oder andere Silbe und verkürzt sich mit Vorliebe, sie gibt sich Einflüssen anderer Sprachen hemmungslos hin und macht etwas daraus. Einer dieser Einflüsse kommt vermeintlich aus Polen; es existiert sogar die Bezeichnung Ruhrpole, wie Wikipedia mir mitteilt.
Der Pole an sich, entgegen aller gängigen Vorurteile, ein fleißiger, ruhiger Zeitgenosse, der im Ruhrgebiet nicht nur viel gearbeitet hat und selbiges heute noch tut, bereichert uns seit Jahrhunderten mit Speise, Trank und zuweilen mit Worten und Wörtern. So benutzen wir keinen Hammer, sondern einen Mottek. So das denn polnisch ist.
(Passend dazu hat ein ungemein netter, kluger und humorvoller Mensch, der bei mir bereits vor Jahren mächtig Eindruck hinterlassen hat, einen lesenswerten Artikel geschrieben. Der von mir geschätzte Herr, namentlich Heinz H. Menge, unterrichtete mich an der Ruhruniversität Bochum im Bereich Germanistik und nicht nur deswegen lege ich den Artikel gerne geneigten Lesern vor die Nase.)
Die sprachliche Einflüsse des Polnischen sind also mehr oder weniger belegbar vorhanden, daher stellte ich mir die Frage, ob der Pinn vielleicht so seinen Weg zu uns gefunden hat. Wörterbücher brachten mich nicht weiter, also habe ich Menschen gefragt, die des Polnischen mächtig sind. Leider ohne Ergebnis, bis ich meinen Getränkelieferanten anrief, der gebürtiger Pole ist und jedes Mal, wenn er meinen Nachnamen hört, der Meinung ist, ich sei ebenfalls eine und würde die Sprache beherrschen. Dem ist nicht so, sonst würde ich die Antwort ja kennen, doch dieses Mal nutzte ich die Gunst der Stunde und fragte ihn, ob er einen Pinn kennen würde. Kennt er, weiß er und es folgt:
Der Pinn – ein schlüpfriger Zeitgenosse.
Der Getränkemann, der an dieser Stelle anonym bleibt, erklärte mir, dass er den Pinn aus dem Polnischen als umgangssprachlichen Ausdruck für Pimmel kennt und es sich bei der Verkleinerung Pinorek dementsprechend um ein Pimmelchen handeln würde.
Ja, wir bewegen uns gerade in schlüpfrigen Sprachbereichen, aber unter uns: Das Ruhrdeutsche neigt zu derben Worten, vulgärer Direktheit und unverblümten Ausdrücken und im Sinne der Wahrheitsfindung muss ich mich sprachlich schon anpassen und mitmachen. Bestätigungen für diese Übersetzung, bzw. Interpretation habe ich allerdings nicht gefunden.
Doch, vielleicht im Kroatischen, wo das im Ruhrdeutschen gebräuchliche Wort Pimpek, das einen kleinen Hebel, Pin, Stift, Bolzen oder Gegenstand ebenso benennt wie der Pinorek, die Entsprechung oder besser Übersetzung von Penis, bzw. Pimmel sein soll. Wie weit auf kroatische Online-Wörterbücher Verlass ist, nun, das vermag ich nicht zu entscheiden.
Pinngröße – wie viel Fleischwurst ist ein Penis?
Ehrliche Antwort? Ich weiß es nicht. Ein Pinn bemisst sich in seiner Handlichkeit – er passt bequem in die Hand und bietet ausreichend Platz zum Abbeißen. Und er passt in ein Brötchen; wozu ein Loch in selbiges, also das Brötchen geprockelt wird oder es lapidar durchgeschnitten wird, dann der Pinn Fleischwurst unzerteilt zwischen die Hälfen gelegt und das Brötchen wieder zusammengeklappt wird – und guten Hunger.
Da sich die Größen von Händen unterscheiden, die von Brötchen und Fleischwürsten ebenfalls, ist die Pinngröße nicht genau feststellbar. Vielleicht existiert aus diesem Grund die Bezeichnung Pinn und kann mit einem Penis in Verbindung gebracht werden? Da weiß man auch nicht so genau, will es vielleicht nicht wissen und schweigt lieber dezent.
Was ich kann, ist die Größenabstufungen der undefinierbaren länglichen Dinge mitzuteilen: Der Pinn ist das größte Ding, es folgen der Pinorek und der Pimpek, deren Abgrenzung voneinander nicht so einfach ist, und dann folgt das kleinste Dingen, der Nupsi. Und der Eumel. Ach, es gibt noch sehr viel zu tun.
Ein Pinn Fleischwurst mit Knoblauch, bitte.
Eine ganze?
Nee, ein Pinn.
Kennich nicht. Wie viel ist das?
Halt ein Stück. So 10 bis 15 Zentimeter.
Ich bin ein wenig erstaunt, schließlich ist genau dieser Ausdruck feinster Lokalkolorit und völlig üblich. Dachte ich. Ist aber nicht (mehr) so, viel mehr war es wohl so. Daher widme ich diesen Artikel dem Pinn Fleischwurst. Gerne mit Brötchen. Das gehört dazu, wahlweise mit Senf.
| Foto: Barbara Piontek |
Fleischwurst? Fleischwurst.
Fange ich vorne an, denn bereits Ausdruck und Wesen der Fleischwurst können durchaus Fragen aufwerfen. Es scheint eine lokale Lebensgewohnheit, Pardon, eine Essgewohnheit des Ruhrgebietes zu sein. Schließlich werde ich nördlich und südlich von hier in Sachen Fleischwurst schräg angeschaut. Was vielleicht daran liegen mag, dass allein das Wort und die Sache an sich, nämlich die Fleischwurst nicht im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt ist.
Bei einer Fleischwurst handelt es sich um eine (geräucherte) Brühwurst, die in anderen Gegenden Deutschlands unter dem Namen Lyoner bekannt ist. Wobei ich einwerfen muss, dass die Rote, wie die Lyoner im Raum Nagold genannt wird, schon etwas anderes als die heimische Fleischwurst ist. Farblich, geschmacklich und auch von der Größe und Konsistenz.
Im Ruhrgebiet gehört Fleischwurst zum Alltag und es lässt sich kaum ein Metzger finden, der keine herstellt oder anbietet. Abgepackt, eingeschweißt und als Massenware taugt sie nicht viel. Besonders ist heiße Fleischwurst, die direkt aus dem Kessel und dem Sud, in dem sie gebrüht wird, kommt und aus der Hand gegessen wird. Vielleicht noch mit oder in einem Brötchen, vielleicht einer Scheibe Toast, aber auf jeden Fall ohne Messer, Gabel und Teller. Das Ganze funktioniert eigentlich nur auf dem lokalen Wochenmarkt und ist eine Kindheitserinnerung und ein Stück Lebensqualität.
Kurz: Ich liebe Fleischwurst. Heiße, lauwarm oder kalte, ohne Senf, aber mit Brötchen. Fleischwurst geht morgens, zum Frühstück, zwischendurch, als Mahlzeit, Snack, abends, nachts und eigentlich immer. Und das geht nicht nur mir so, auf Baustellen, in Büros oder zwischendurch auf dem Parkplatz wird nicht, wie den Eingeborenen des Ruhrgebiets so oft unterstellt, Currywurst gefuttert, nein, es ist durchaus die Fleischwurst, eben, ein Pinn Fleischwurst. Gerne auch in oder mit einem Brötchen dabei und dazu. Und danach eine Currywurst. Oder davor und dazu. Oder gar nicht und einzeln. Currywurst geht halt immer, Fleischwurst sowieso.
Wortsuchereien nach dem Pinn.
Damit sind wir beim Maß aller Dinge – dem Pinn. Pinn ist ein Wort, das im Ruhrgebiet allerlei Verwendung findet: Pinne sind Beine, die ich mir durchaus in den Bauch stehen kann, ein Pinn inne Fott ist der Stock im Allerwertesten, der bildhaft die Steifheit mancher Menschen beschreibt, der Pinn ist ein Hebel, der betätigt werden will, Pinnchen oder Pinneken heißt das Schnapsglas für den Kurzen und ein Pinn ist ebenfalls ein (dürrer) Baum, ein Zweig, ein Ast, ein Stock.
(Lesenswert in diesem Zusammenhang ist der einzige in den Weiten des Internets vorhandene Text, der den Pinn Fleischwurst erwähnt und sich mit dem Pinn beschäftigt.)
Der Duden kennt die Pinnwand, die Pinnnadel, die Pinne, die Pinna (übrigens eine Vogelmuschel des Mittelmeeres) und die Verben pinnen, anpinnen, abpinnen (abschreiben), aber ein Pinn? Nichts zu finden, nichts zu wollen.
Weitersuchen, zurück zu den Wurzeln, zu Grimms Wörterbuch. Und dort ist etwas zu finden, das passen könnte. Denke ich, denn die Erklärungen klingen logisch. Vorsicht, nun wird es ein wenig kompliziert, es geht um 5 Ecken und über 3 Brücken:
Ein Pinn ist etwas hartes, relativ kleines, zum Beispiel ein Nagel, was die Form des Pinnes Fleischwurst erklären könnte. Jedenfalls wenn die Fleischwurst nicht besonders gut ist, denn dann ist sie hart und nicht so lecker. Und diese kann ich in ein Brötchen schieben. So ich will.
Gehe ich weiter, lande ich bei Pfinne und Pfinnig, wo ich unter 2 und Pfinnig wirklich etwas mit Fleisch finde. Könnte auch passen, da wir im Lebensbereich Ruhr das f weglassen; d. h. wir haben kein Pferd, sondern ein Ferd, was genauso klingt wie fährt, falls also ein Ferd fährt ist das in heimischen Gefilden gar kein Problem und aus Pfinne kann problemlos ein, ähm, Finn werden. Mist, das war nichts.
Vielleicht ist sowieso alles viel einfacher und es handelt es sich ganz einfach um den Pinn, an dem die Fleischwurst nach dem Brühen oder im Laden des Metzgers aufgehangen wird? Oder die Fleischwurst wurde früher nicht mit einem Bindfaden zugebunden, sondern mit einem Pinn verschlossen, damit die Pampe nicht in die Brühe lief?
Der Pinn – ein Pole?
Die Sprache des Ruhrgebietes ist aber nicht nur mannigfaltig, verliert in der Aussprache gerne mal die ein oder andere Silbe und verkürzt sich mit Vorliebe, sie gibt sich Einflüssen anderer Sprachen hemmungslos hin und macht etwas daraus. Einer dieser Einflüsse kommt vermeintlich aus Polen; es existiert sogar die Bezeichnung Ruhrpole, wie Wikipedia mir mitteilt.
Der Pole an sich, entgegen aller gängigen Vorurteile, ein fleißiger, ruhiger Zeitgenosse, der im Ruhrgebiet nicht nur viel gearbeitet hat und selbiges heute noch tut, bereichert uns seit Jahrhunderten mit Speise, Trank und zuweilen mit Worten und Wörtern. So benutzen wir keinen Hammer, sondern einen Mottek. So das denn polnisch ist.
(Passend dazu hat ein ungemein netter, kluger und humorvoller Mensch, der bei mir bereits vor Jahren mächtig Eindruck hinterlassen hat, einen lesenswerten Artikel geschrieben. Der von mir geschätzte Herr, namentlich Heinz H. Menge, unterrichtete mich an der Ruhruniversität Bochum im Bereich Germanistik und nicht nur deswegen lege ich den Artikel gerne geneigten Lesern vor die Nase.)
Die sprachliche Einflüsse des Polnischen sind also mehr oder weniger belegbar vorhanden, daher stellte ich mir die Frage, ob der Pinn vielleicht so seinen Weg zu uns gefunden hat. Wörterbücher brachten mich nicht weiter, also habe ich Menschen gefragt, die des Polnischen mächtig sind. Leider ohne Ergebnis, bis ich meinen Getränkelieferanten anrief, der gebürtiger Pole ist und jedes Mal, wenn er meinen Nachnamen hört, der Meinung ist, ich sei ebenfalls eine und würde die Sprache beherrschen. Dem ist nicht so, sonst würde ich die Antwort ja kennen, doch dieses Mal nutzte ich die Gunst der Stunde und fragte ihn, ob er einen Pinn kennen würde. Kennt er, weiß er und es folgt:
Der Pinn – ein schlüpfriger Zeitgenosse.
Der Getränkemann, der an dieser Stelle anonym bleibt, erklärte mir, dass er den Pinn aus dem Polnischen als umgangssprachlichen Ausdruck für Pimmel kennt und es sich bei der Verkleinerung Pinorek dementsprechend um ein Pimmelchen handeln würde.
Ja, wir bewegen uns gerade in schlüpfrigen Sprachbereichen, aber unter uns: Das Ruhrdeutsche neigt zu derben Worten, vulgärer Direktheit und unverblümten Ausdrücken und im Sinne der Wahrheitsfindung muss ich mich sprachlich schon anpassen und mitmachen. Bestätigungen für diese Übersetzung, bzw. Interpretation habe ich allerdings nicht gefunden.
Doch, vielleicht im Kroatischen, wo das im Ruhrdeutschen gebräuchliche Wort Pimpek, das einen kleinen Hebel, Pin, Stift, Bolzen oder Gegenstand ebenso benennt wie der Pinorek, die Entsprechung oder besser Übersetzung von Penis, bzw. Pimmel sein soll. Wie weit auf kroatische Online-Wörterbücher Verlass ist, nun, das vermag ich nicht zu entscheiden.
Pinngröße – wie viel Fleischwurst ist ein Penis?
Ehrliche Antwort? Ich weiß es nicht. Ein Pinn bemisst sich in seiner Handlichkeit – er passt bequem in die Hand und bietet ausreichend Platz zum Abbeißen. Und er passt in ein Brötchen; wozu ein Loch in selbiges, also das Brötchen geprockelt wird oder es lapidar durchgeschnitten wird, dann der Pinn Fleischwurst unzerteilt zwischen die Hälfen gelegt und das Brötchen wieder zusammengeklappt wird – und guten Hunger.
Da sich die Größen von Händen unterscheiden, die von Brötchen und Fleischwürsten ebenfalls, ist die Pinngröße nicht genau feststellbar. Vielleicht existiert aus diesem Grund die Bezeichnung Pinn und kann mit einem Penis in Verbindung gebracht werden? Da weiß man auch nicht so genau, will es vielleicht nicht wissen und schweigt lieber dezent.
Was ich kann, ist die Größenabstufungen der undefinierbaren länglichen Dinge mitzuteilen: Der Pinn ist das größte Ding, es folgen der Pinorek und der Pimpek, deren Abgrenzung voneinander nicht so einfach ist, und dann folgt das kleinste Dingen, der Nupsi. Und der Eumel. Ach, es gibt noch sehr viel zu tun.
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Mittwoch, 8. Juli 2015
musse schlackern. abba ordentlich.
Ich sammele sie immer separat in einer Wäschebox und alle paar Wochen sind sie dran, die Handtücher. Handtücher sind nämlich eine Wissenschaft für sich. Also, nicht das Handtuch an sich, aber der Umgang mit selbigen. Nee, auch nicht beim Abtrocknen, sondern beim Waschen. Eigentlich beim Waschen, Aufhängen und Abnehmen, Zusammenlegen und Wegpacken der Handtücher.
Das sage nicht ich, das trichterte mir Omma ein: Dat is nemmich sone Sache.
Dat mit dem Waschen geht ja noch. Da kannze an sich nicht so viel bei falsch machen, begann sie ihren Lehrgang. Bunte Hantücha aufn Haufen un weiße aufn andern. Wenn die nich mehr so schön sin, dann musse die bleichn, dann gehn die wieda. Schön heiß waschn, unter 60 °C geht da nix. Auch die buntn, die können dat ab. Wennse wat taugn. Bei Hantücha tusse bessa nich sparn, dat rächt sich nemmich späta. Un nich son billges Waschpulva nehm, lech wat an. Ich nehm Ariel, Persil geht vielleich au, abba nich vom Aldi, dat taucht nix.
Dann gehtet abba ers los mitti Maloche, warnte Omma an dieser Stelle, am besten is, wennze die gewaschenen Hantücha nach draußn hängs. So richtig in Garten. Auffe Leine oda schön ordentlich anne Spinne. Damit die flattern können. Dann sind die fix trockn, riechn gut un behalt ihre Form. Die können auch bissken nass werdn und so richtich knackign Frost, der macht die Dinga schön muckelich.
Nun wurde es persönlich, an dieser Stelle setzte Omma immer demonstrativ den Zeigefinger vor meine Nase: Un nie vergessn! Hantücha musse schlackern!! Imma!!! Abba ordntlich!!!! Volle Pulle, bisse dat inne Arme merks. Vorm und nachm Aufhängn. Hörsse? Wennze dat nemmich nich machs, dann reibs Dir naher die Fott wund. Un dat is nich schön, dat kannze ner alten Frau glaubn. Also: Nasset Hantuch ausm Korb nehm, so richtich ausse Arme raus schlackern un ers dann aufhängn! Dat Schlackern gibt son Geräusch. Wennze dat nich hören tus, dann hasse nich richtich geschlackert und die Hantücha hängn rum wie welken Sallat. Un beim Abnehm wieda schlackern un dann zusammlegn. Auf Kante. So richtich akkerat.
Bügeln? Ach wat, wennze Handtücha ordentlich schlackern tus, dann brauchsse nix bügeln. Wirs sehn, wie schön dat in Dein Schrank aussehn tut. Un sach dat dem Oppa nich, abba ich tu ja imma noch Spritza Kölnisch Wasser oder Tosca bei. Dat riech ich so gerne.
Bei uns im Handtuchfach sieht es nicht aus wie in Omma ihrn Schrank. Wahrscheinlich fehlt doch Kölnisch Wasser. Oder Tosca. Oder mein Schweizer Ehegespons weiß nicht, wie man Handtücher richtig schlackert.
Und jetzt entschuldigt mich, ich muss zum Lehrgang. Damit der Mann das mit dem Schlackern endlich mal hinkriegt.
PS: Omma gab sich natürlich nicht mit dem Schlackern von Handtüchern zufrieden. Keine halben Sachen, alles, jedes einzelne Stück und Teil Wäsche, das aus der Waschmaschine kommt, muss geschlackert werden, aufgehängt, abgenommen und noch einmal geschlackert werden. Aber ordentlich.
Das sage nicht ich, das trichterte mir Omma ein: Dat is nemmich sone Sache.
Dat mit dem Waschen geht ja noch. Da kannze an sich nicht so viel bei falsch machen, begann sie ihren Lehrgang. Bunte Hantücha aufn Haufen un weiße aufn andern. Wenn die nich mehr so schön sin, dann musse die bleichn, dann gehn die wieda. Schön heiß waschn, unter 60 °C geht da nix. Auch die buntn, die können dat ab. Wennse wat taugn. Bei Hantücha tusse bessa nich sparn, dat rächt sich nemmich späta. Un nich son billges Waschpulva nehm, lech wat an. Ich nehm Ariel, Persil geht vielleich au, abba nich vom Aldi, dat taucht nix.
Dann gehtet abba ers los mitti Maloche, warnte Omma an dieser Stelle, am besten is, wennze die gewaschenen Hantücha nach draußn hängs. So richtig in Garten. Auffe Leine oda schön ordentlich anne Spinne. Damit die flattern können. Dann sind die fix trockn, riechn gut un behalt ihre Form. Die können auch bissken nass werdn und so richtich knackign Frost, der macht die Dinga schön muckelich.
Nun wurde es persönlich, an dieser Stelle setzte Omma immer demonstrativ den Zeigefinger vor meine Nase: Un nie vergessn! Hantücha musse schlackern!! Imma!!! Abba ordntlich!!!! Volle Pulle, bisse dat inne Arme merks. Vorm und nachm Aufhängn. Hörsse? Wennze dat nemmich nich machs, dann reibs Dir naher die Fott wund. Un dat is nich schön, dat kannze ner alten Frau glaubn. Also: Nasset Hantuch ausm Korb nehm, so richtich ausse Arme raus schlackern un ers dann aufhängn! Dat Schlackern gibt son Geräusch. Wennze dat nich hören tus, dann hasse nich richtich geschlackert und die Hantücha hängn rum wie welken Sallat. Un beim Abnehm wieda schlackern un dann zusammlegn. Auf Kante. So richtich akkerat.
Bügeln? Ach wat, wennze Handtücha ordentlich schlackern tus, dann brauchsse nix bügeln. Wirs sehn, wie schön dat in Dein Schrank aussehn tut. Un sach dat dem Oppa nich, abba ich tu ja imma noch Spritza Kölnisch Wasser oder Tosca bei. Dat riech ich so gerne.
Bei uns im Handtuchfach sieht es nicht aus wie in Omma ihrn Schrank. Wahrscheinlich fehlt doch Kölnisch Wasser. Oder Tosca. Oder mein Schweizer Ehegespons weiß nicht, wie man Handtücher richtig schlackert.
Und jetzt entschuldigt mich, ich muss zum Lehrgang. Damit der Mann das mit dem Schlackern endlich mal hinkriegt.
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| Omma würde mir das niemals durchgehen lassen. |
PS: Omma gab sich natürlich nicht mit dem Schlackern von Handtüchern zufrieden. Keine halben Sachen, alles, jedes einzelne Stück und Teil Wäsche, das aus der Waschmaschine kommt, muss geschlackert werden, aufgehängt, abgenommen und noch einmal geschlackert werden. Aber ordentlich.
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Dienstag, 5. Mai 2015
@ Michael Bauer. oder eine erwiderung.
Michael Bauer schrieb, so glaube ich, eine Antwort auf meinen letzten Artikel, der sich mit deutschen Dialekten und deutschen Hochsprache beschäftigt. Ich mag den Mann, seine Wortspielereien und seinen Humor. Daher hier meine Antwort, bzw. Erwiderung.
Lieber Michael,
ich bin mir nicht ganz sicher, was mir Dein Text sagen will. Dialekte sterben aus, aber das ist halt so? Du sprichst Dialekt, weil er für Dich dazugehört?
Ich finde, wir sollten vielleicht zuerst definieren, worüber wir reden. (Ja, die Philologin kommt zuweilen durch, was erlaubt sein mag. Ich kratze, versprochen, auch nur an der Oberfläche, sonst würde dieser Artikel ausarten und zwar gehörig.)
Der Regiolekt steht für Dialekt, Mundart, Regionalsprache oder auch das Idiom, d. h. eine lokal und/oder sozial abgegrenzte Sprachvariante oder den in einer Region gesprochenen Dialekt. Dialekte haben eine räumlich begrenzte Reichweite und verfügen über phonologische, morphologische und lexikale Eigenheiten, durch die sie sich von anderen regionalen Variationen und der Standardsprache unterscheiden. Regionalsprache reicht ein wenig weiter, so sind beispielsweise alemannische Variationen in Süddeutschland und der Deutschschweiz in unterschiedlichen Abstufungen verbreitet, aber dennoch regionale Ausprägungen lokal vorhanden, deren Abgrenzungen variieren. Außerhalb von dort, also beispielsweise in Norddeutschland, lösen alemannische Satz- und Wortkonstruktionen eher Stirnrunzeln und fragende Blicke aus.
Die Hochsprache entspricht der Schriftsprache, der Standardsprache, der Gemeinsprache, der Literatursprache, der Nationalsprache. Sie ist den lokalen Umgangssprachen übergeordnet, ist die allgemein (und national) verbindliche Sprachform, sie wird gesprochen und geschrieben; d. h. sie ist in einer Grammatik und Wörterbüchern kodifiziert und (sprachwissenschaftlich) das Gegenteil zur Umgangssprache. Sie ist überregional und in allen deutschsprachigen Regionen verständlich. Jetzt kann man weiter unterscheiden, wenn man davon ausgeht, dass es eine Standardsprache gar nicht gibt, sondern innerhalb des deutschen Sprachraums eher verschiedene Regionalstandards mit dialektalen Einsprengseln vorhanden sind. Darunter fallen zum Beispiel Helvetismen und Austriazismen, die wiederum als solche im Duden und anderen Wörterbüchern vermerkt werden. Alle deutschsprachigen Länder grenzen sich sprachlich voneinander ab, gehen ineinander über und übernehmen auch voneinander. Hochdeutsch ist eine Standardsprache, da sie unabhängig von Schicht und Region benutzt werden kann und wird.
Standardsprache und und Regiolekte verändern sich bewusst und unbewusst stetig, bzw. werden von uns, den Anwendern und Nutzern verändert. Sprache wird nicht erfunden, etwa von Gelehrten im stillen Kämmerlein, sie entsteht durch Einflüsse von Menschen – und wandelt sich stetig. Die Ergebnisse landen früher oder später im Duden, was zeigt, dass die Hochsprache kein statisches Konstrukt ist, sondern gelebte Sprache.
Die Standardsprache ist keine Richtlinie für alle anderen Variationen, sie liefert die Orientierung, die Leitlinie beim Spracherwerb und bei auftretenden Fragen. Wörterbücher, Grammatiken und Bücher, die bei Aussprache und Stil helfen, sind die Mittel und Nachschlagewerke zu diesem Zweck. Dialekte haben meist keine einheitliche Schrift, meist nicht einmal eine einheitliche Sprache, die Standardsprache schon. Sprachwissenschaftlich ist die Einordnung schwieriger, es lauern Fragen: Kann es einen Dialekt ohne Standardsprache geben? Ist die Hochsprache nicht eine Voraussetzung für den Regiolekt? Wieder ein weites Feld der Linguistik, dem ich Räume geben könnte.
Wie Du meinem Posting entnehmen kannst, verweigere ich keinem Regiolekt und auch keiner Schriftsprache ihre Ambivalenz, denn letztlich ist es genau das, was Sprache ausmacht – wir streiten und diskutieren über sie und ihre Auslegungen. Das tun nicht nur wir, das passiert in jedem Uni-Seminar, jeder Redaktion und auch bei Dudens.
Und ja, Dialekt ist ein Merkmal der Schichtzugehörigkeit (Soziolekt), was nicht gut oder schlecht ist, es ist einfach so. Die Durchmischung der sozialen Schichten hat sich aber in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert, die da oben, die sich durch Französisch abgegrenzt haben, gibt es so nicht mehr. Aber ist es nicht so, dass man sich durch eine stoische Nutzung des Dialektes genau so abgrenzt wie damals die da oben? Wenn ja, warum eigentlich?
Und dann haben wir auch die Veränderung, die Du an Deinen Kindern bemerkst: Sie haben eine andere Bildung erhalten, arbeiten nicht unbedingt vor Ort, sie kommen raus und rum. Dazu ein Beispiel: Meine Familie väterlicherseits stammt aus Ostpreußen, Ostvertriebene, die nach dem 2. Weltkrieg erst in Halle an der Saale landeten und, als es dort immer unfreier wurde, in das Ruhrgebiet kamen. Nicht freiwillig, weil es hier so schön war, sondern weil es Arbeit gab. Mein Opa hat Straßen gebaut, mein Vater das Einjährige. Mehr ging finanziell nicht, weil das Abitur Geld voraussetzte und mein Vater sich daher bei der Bundeswehr verpflichtete, um so mehr Bildung zu erlangen. Die Familie meiner Mutter ist im Münsterland und Ruhrgebiet verortet und Bildung hieß dort 7 Jahre Volksschule. Erst mir war es, dank 68ern und sozialem Aufstieg und einer Menge Arbeit meiner Eltern, möglich, die Universität zu besuchen.
Das sprachliche Durcheinander in meiner Familie kannst Du Dir ausmalen: Während meine Großmutter ostpreußische Variationen einbrachte, fluchte mein Opa (der sehr lange in russischer Kriegsgefangenschaft war) auch russisch und polnisch, wobei sie beide als bescheidene Protestanten stets um einwandfreies Hochdeutsch bemüht waren. Das hatten sie so in Ostpreußen gehandhabt und taten es auch hier. Ruhrdeutsch empfanden sie, und auch mein Vater, als amüsant, aber vulgär und nicht gerade schön. Die katholische Familie meiner Mutter brachte mir Ruhrdeutsch und Anteile Münsterländer Wortwahl bei, während ich mich bemühte Germanistik zu studieren und dementsprechend Dialekt und Hochsprache zu pflegen. Kurz: Meine Familie ist ein Musterexemplar des Ruhrgebietes, wo alle aus einem anderen Land, einer anderen Kultur und Sprachregion kommen. Macht aber nichts, wir werfen zusammen, sitzen an einem Tisch und tauschen uns aus. Aber: Unsere einzelnen Dialekte sterben aus, vermischen sich und ergeben quasi einen neuen Regiolekt. Und dann habe ich noch einen Schweizer mitgebracht und ertappe mich ab und an bei einem Helvetismus. Nun ja.
Ebenso ohne jegliche Wertung sind meine Beispiele zu sehen, wobei die Schweiz natürlich als beispielhaft gelten kann, da die Hochsprache oftmals eben nicht als übergeordnetes Gemeinsames mit den österreichischen und deutschen Nachbarn gilt. Was so auch wieder nicht stimmt, schließlich gibt es auch hier ein Schriftdeutsch, was unserem Hochdeutsch recht nahe kommt, Standarddeutsch, das ein wenig an das erinnert, was Emil uns in den 1970ern verkaufen wollte, und lokale Dialekte in zahllosen Variationen.
Es kommt vor, dass sich einige Schweizerinnen und Schweizer auch sprachlich unbedingt von uns, den Deutschen, abgrenzen möchten. Man mag es gut finden oder nicht, aber in der Deutschschweiz spricht der Professor Dialekt und der Bauer auch. Standesunterschiede? Nöö, den Adel, die blöden Habsburger, die ja nur vermeintliche Deutsche waren, hat man doch verjagt und fremde Vögte, also welche von auswärts, haben nichts zu melden, und dann stand doch der Adolf mal fast vor der Tür und nun sind sie wieder in Scharen da, Deutsche mit ihrem geschliffenen Hochdeutsch und ihrer direkten Art – da kann man sich ab- und vielleicht auch ausgrenzen, muss aber auch die Konsequenzen tragen, Stichwort Inseldasein.
Und kann es nicht auch sein, dass in der Deutschschweiz, und gerne auch in Süddeutschland, Standardsprache einfach ein zu schlechtes Image hat und genau das Unsinn ist? Weil Schriftsprache auch Möglichkeiten bietet. Weil Standardsprache bereichert und nicht einschränkt.
Warum lassen süddeutsche Politiker durchblicken, woher sie kommen? Um zu zeigen, wir sind aus dem Volk, genau so wie Du, also wähle mich, ich bin glaubwürdig, ich könnte Dein Nachbar sein. Die Sprache als Werkzeug und Mittel zum Zweck – auch ein Thema.
Tja, und dann der Süden Deutschlands an sich. Ist er beispielhaft oder übertrieben in seiner Dialektliebe? Dabei ist er doch nur ein Teil Deutschlands, und andere unken, Bayern ist sowieso nicht Deutschland …
Und dann gibt es noch Entwicklung und Historie der Dialekte und der Standardsprache. Ebenfalls ein weites Feld. Du merkst, ich sehe viele Ansätze und Möglichkeiten – worüber wollen wir reden?
PS: Ich plädiere übrigens für das Blog. Duden sagt, es heißt das, der geht aber auch. Immerhin brauchen wir über den Plural nicht zu reden, die geht immer :)
PPS: Dazu ein Link zu einem Artikel, der sich mit dem Blog-Thema befasst.
Lieber Michael,
ich bin mir nicht ganz sicher, was mir Dein Text sagen will. Dialekte sterben aus, aber das ist halt so? Du sprichst Dialekt, weil er für Dich dazugehört?
Ich finde, wir sollten vielleicht zuerst definieren, worüber wir reden. (Ja, die Philologin kommt zuweilen durch, was erlaubt sein mag. Ich kratze, versprochen, auch nur an der Oberfläche, sonst würde dieser Artikel ausarten und zwar gehörig.)
Der Regiolekt steht für Dialekt, Mundart, Regionalsprache oder auch das Idiom, d. h. eine lokal und/oder sozial abgegrenzte Sprachvariante oder den in einer Region gesprochenen Dialekt. Dialekte haben eine räumlich begrenzte Reichweite und verfügen über phonologische, morphologische und lexikale Eigenheiten, durch die sie sich von anderen regionalen Variationen und der Standardsprache unterscheiden. Regionalsprache reicht ein wenig weiter, so sind beispielsweise alemannische Variationen in Süddeutschland und der Deutschschweiz in unterschiedlichen Abstufungen verbreitet, aber dennoch regionale Ausprägungen lokal vorhanden, deren Abgrenzungen variieren. Außerhalb von dort, also beispielsweise in Norddeutschland, lösen alemannische Satz- und Wortkonstruktionen eher Stirnrunzeln und fragende Blicke aus.
Die Hochsprache entspricht der Schriftsprache, der Standardsprache, der Gemeinsprache, der Literatursprache, der Nationalsprache. Sie ist den lokalen Umgangssprachen übergeordnet, ist die allgemein (und national) verbindliche Sprachform, sie wird gesprochen und geschrieben; d. h. sie ist in einer Grammatik und Wörterbüchern kodifiziert und (sprachwissenschaftlich) das Gegenteil zur Umgangssprache. Sie ist überregional und in allen deutschsprachigen Regionen verständlich. Jetzt kann man weiter unterscheiden, wenn man davon ausgeht, dass es eine Standardsprache gar nicht gibt, sondern innerhalb des deutschen Sprachraums eher verschiedene Regionalstandards mit dialektalen Einsprengseln vorhanden sind. Darunter fallen zum Beispiel Helvetismen und Austriazismen, die wiederum als solche im Duden und anderen Wörterbüchern vermerkt werden. Alle deutschsprachigen Länder grenzen sich sprachlich voneinander ab, gehen ineinander über und übernehmen auch voneinander. Hochdeutsch ist eine Standardsprache, da sie unabhängig von Schicht und Region benutzt werden kann und wird.
Standardsprache und und Regiolekte verändern sich bewusst und unbewusst stetig, bzw. werden von uns, den Anwendern und Nutzern verändert. Sprache wird nicht erfunden, etwa von Gelehrten im stillen Kämmerlein, sie entsteht durch Einflüsse von Menschen – und wandelt sich stetig. Die Ergebnisse landen früher oder später im Duden, was zeigt, dass die Hochsprache kein statisches Konstrukt ist, sondern gelebte Sprache.
Die Standardsprache ist keine Richtlinie für alle anderen Variationen, sie liefert die Orientierung, die Leitlinie beim Spracherwerb und bei auftretenden Fragen. Wörterbücher, Grammatiken und Bücher, die bei Aussprache und Stil helfen, sind die Mittel und Nachschlagewerke zu diesem Zweck. Dialekte haben meist keine einheitliche Schrift, meist nicht einmal eine einheitliche Sprache, die Standardsprache schon. Sprachwissenschaftlich ist die Einordnung schwieriger, es lauern Fragen: Kann es einen Dialekt ohne Standardsprache geben? Ist die Hochsprache nicht eine Voraussetzung für den Regiolekt? Wieder ein weites Feld der Linguistik, dem ich Räume geben könnte.
Wie Du meinem Posting entnehmen kannst, verweigere ich keinem Regiolekt und auch keiner Schriftsprache ihre Ambivalenz, denn letztlich ist es genau das, was Sprache ausmacht – wir streiten und diskutieren über sie und ihre Auslegungen. Das tun nicht nur wir, das passiert in jedem Uni-Seminar, jeder Redaktion und auch bei Dudens.
Und ja, Dialekt ist ein Merkmal der Schichtzugehörigkeit (Soziolekt), was nicht gut oder schlecht ist, es ist einfach so. Die Durchmischung der sozialen Schichten hat sich aber in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert, die da oben, die sich durch Französisch abgegrenzt haben, gibt es so nicht mehr. Aber ist es nicht so, dass man sich durch eine stoische Nutzung des Dialektes genau so abgrenzt wie damals die da oben? Wenn ja, warum eigentlich?
Und dann haben wir auch die Veränderung, die Du an Deinen Kindern bemerkst: Sie haben eine andere Bildung erhalten, arbeiten nicht unbedingt vor Ort, sie kommen raus und rum. Dazu ein Beispiel: Meine Familie väterlicherseits stammt aus Ostpreußen, Ostvertriebene, die nach dem 2. Weltkrieg erst in Halle an der Saale landeten und, als es dort immer unfreier wurde, in das Ruhrgebiet kamen. Nicht freiwillig, weil es hier so schön war, sondern weil es Arbeit gab. Mein Opa hat Straßen gebaut, mein Vater das Einjährige. Mehr ging finanziell nicht, weil das Abitur Geld voraussetzte und mein Vater sich daher bei der Bundeswehr verpflichtete, um so mehr Bildung zu erlangen. Die Familie meiner Mutter ist im Münsterland und Ruhrgebiet verortet und Bildung hieß dort 7 Jahre Volksschule. Erst mir war es, dank 68ern und sozialem Aufstieg und einer Menge Arbeit meiner Eltern, möglich, die Universität zu besuchen.
Das sprachliche Durcheinander in meiner Familie kannst Du Dir ausmalen: Während meine Großmutter ostpreußische Variationen einbrachte, fluchte mein Opa (der sehr lange in russischer Kriegsgefangenschaft war) auch russisch und polnisch, wobei sie beide als bescheidene Protestanten stets um einwandfreies Hochdeutsch bemüht waren. Das hatten sie so in Ostpreußen gehandhabt und taten es auch hier. Ruhrdeutsch empfanden sie, und auch mein Vater, als amüsant, aber vulgär und nicht gerade schön. Die katholische Familie meiner Mutter brachte mir Ruhrdeutsch und Anteile Münsterländer Wortwahl bei, während ich mich bemühte Germanistik zu studieren und dementsprechend Dialekt und Hochsprache zu pflegen. Kurz: Meine Familie ist ein Musterexemplar des Ruhrgebietes, wo alle aus einem anderen Land, einer anderen Kultur und Sprachregion kommen. Macht aber nichts, wir werfen zusammen, sitzen an einem Tisch und tauschen uns aus. Aber: Unsere einzelnen Dialekte sterben aus, vermischen sich und ergeben quasi einen neuen Regiolekt. Und dann habe ich noch einen Schweizer mitgebracht und ertappe mich ab und an bei einem Helvetismus. Nun ja.
Ebenso ohne jegliche Wertung sind meine Beispiele zu sehen, wobei die Schweiz natürlich als beispielhaft gelten kann, da die Hochsprache oftmals eben nicht als übergeordnetes Gemeinsames mit den österreichischen und deutschen Nachbarn gilt. Was so auch wieder nicht stimmt, schließlich gibt es auch hier ein Schriftdeutsch, was unserem Hochdeutsch recht nahe kommt, Standarddeutsch, das ein wenig an das erinnert, was Emil uns in den 1970ern verkaufen wollte, und lokale Dialekte in zahllosen Variationen.
Es kommt vor, dass sich einige Schweizerinnen und Schweizer auch sprachlich unbedingt von uns, den Deutschen, abgrenzen möchten. Man mag es gut finden oder nicht, aber in der Deutschschweiz spricht der Professor Dialekt und der Bauer auch. Standesunterschiede? Nöö, den Adel, die blöden Habsburger, die ja nur vermeintliche Deutsche waren, hat man doch verjagt und fremde Vögte, also welche von auswärts, haben nichts zu melden, und dann stand doch der Adolf mal fast vor der Tür und nun sind sie wieder in Scharen da, Deutsche mit ihrem geschliffenen Hochdeutsch und ihrer direkten Art – da kann man sich ab- und vielleicht auch ausgrenzen, muss aber auch die Konsequenzen tragen, Stichwort Inseldasein.
Und kann es nicht auch sein, dass in der Deutschschweiz, und gerne auch in Süddeutschland, Standardsprache einfach ein zu schlechtes Image hat und genau das Unsinn ist? Weil Schriftsprache auch Möglichkeiten bietet. Weil Standardsprache bereichert und nicht einschränkt.
Warum lassen süddeutsche Politiker durchblicken, woher sie kommen? Um zu zeigen, wir sind aus dem Volk, genau so wie Du, also wähle mich, ich bin glaubwürdig, ich könnte Dein Nachbar sein. Die Sprache als Werkzeug und Mittel zum Zweck – auch ein Thema.
Tja, und dann der Süden Deutschlands an sich. Ist er beispielhaft oder übertrieben in seiner Dialektliebe? Dabei ist er doch nur ein Teil Deutschlands, und andere unken, Bayern ist sowieso nicht Deutschland …
Und dann gibt es noch Entwicklung und Historie der Dialekte und der Standardsprache. Ebenfalls ein weites Feld. Du merkst, ich sehe viele Ansätze und Möglichkeiten – worüber wollen wir reden?
PS: Ich plädiere übrigens für das Blog. Duden sagt, es heißt das, der geht aber auch. Immerhin brauchen wir über den Plural nicht zu reden, die geht immer :)
PPS: Dazu ein Link zu einem Artikel, der sich mit dem Blog-Thema befasst.
Dienstag, 15. April 2014
aus dem alltag einer deutschschweizerisch-deutschen beziehung: vif.
Manchmal bin ich mir nicht ganz sicher, ob mir mein
Mann ein Kompliment macht, mich doch beleidigt oder ich einen
Fauxpas begangen habe. Das liegt an seiner Sprache, er kennt nämlich
Wörter, deren Bedeutung mir auf den ersten Blick fremd ist.
Ich bin vif, sagt er. Ja, denke ich, assoziiere mit dem Französischen, nicke zustimmend und verstehe, es ist Leben in mir, schließlich lebe ich nachweislich.
Er meint es wortwörtlich, denn was für mich ungewohnt, französisch und auswärts klingt, gehört in der Schweiz in den alltäglichen Sprachgebrauch. Er meint das, was mein Papa Hummeln inne Fott, meine Mutter lebhaft und Kunden erfrischend nennen. Ich bin also, wie man im Ruhrgebiet sagt, eine ganz Vife.
Der Duden kennt, im Gegensatz zu mir, vif auch:
Was ich vielleicht besser nicht sage: Das Wort vif ist in der Schweiz gebräuchlich und gilt als landschaftlich. Das bedeutet, vif ist eine sprachliche Eigentümlichkeit der Schweizer, betrifft die Sprechweise der Bewohner bestimmter Gebiete, gehört halt zur Schweizer Sprache, ist aber sonst im Gebrauch veraltet. Denn dann bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich lobe, provoziere oder kritisiere. Bleibt also besser unter uns!
Ich bin vif, sagt er. Ja, denke ich, assoziiere mit dem Französischen, nicke zustimmend und verstehe, es ist Leben in mir, schließlich lebe ich nachweislich.
Er meint es wortwörtlich, denn was für mich ungewohnt, französisch und auswärts klingt, gehört in der Schweiz in den alltäglichen Sprachgebrauch. Er meint das, was mein Papa Hummeln inne Fott, meine Mutter lebhaft und Kunden erfrischend nennen. Ich bin also, wie man im Ruhrgebiet sagt, eine ganz Vife.
Der Duden kennt, im Gegensatz zu mir, vif auch:
Was ich vielleicht besser nicht sage: Das Wort vif ist in der Schweiz gebräuchlich und gilt als landschaftlich. Das bedeutet, vif ist eine sprachliche Eigentümlichkeit der Schweizer, betrifft die Sprechweise der Bewohner bestimmter Gebiete, gehört halt zur Schweizer Sprache, ist aber sonst im Gebrauch veraltet. Denn dann bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich lobe, provoziere oder kritisiere. Bleibt also besser unter uns!
Dienstag, 11. Juni 2013
fundstück von zuhause: willy brandt und hans piontek in bochum.
Damals war die Welt noch in Ordnung. Da konnte man Politikern noch ganz nahe kommen. Sogar anfassen ging. Weil sie vor Ort auftauchten. Ohne Gummistiefel und wenn Not am Mann ist. Jedenfalls in Bochum, irgendwann Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Meinem Vater ist das passiert, als Willy Brandt, warum auch immer, nach Bochum kam. Darauf brauchte mein Papa erst mal ein Bier.
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Dienstag, 19. März 2013
holger steffens: in omnia paratus, airtramper.
Der Dortmunder Journalist Holger Steffens hat bereits so einige abstruse Flausen und Ideen umgesetzt: Verwegen trampte er mit dem Tandem, dem Sulky, der Ape, mit dem Schiff, dem Fahrrad und sogar mit dem ÖPNV. Nachzulesen sind die Reportagen übrigens hier.
Man mag davon halten, was man will, aber langweilig ist anders und man fragt sich insgeheim, was er als nächstes ausheckt. Und genau das tut er. Dieses Mal verliert er wortwörtlich den Boden unter den Füßen und will mit Luftfahrzeugen quer durch Europa nach Lissabon. Nee, nicht mit dem Zug, Bus, Fahrrad, Moped oder Auto fahren, laufen oder schwimmen - er trampt mit Luftfahrzeugen!
Und es folgt, was folgen muss - das siebte und letzte Abenteuer, der schrägsten Anhalterfahrten:
Airtramper: Support & Aktuelles
Mehr Informationen, der genaue Termin, wie Ihr den Airtramper unterstützen könnt und allerlei Dönnekes erfahrt Ihr:- Hier bei mir
- Auf der Webseite des Airtrampers
- Auf der Facebook-Seite des Airtrampers
- Per Crowdfunding bei Krautreporter
PS: Zwei Jubiläen freuen sich heute: Dem wunderbaren Francisco alles Liebe zum Geburtstag und viele schöne Aufträge als Übersetzer. Das zweite ist privat, aber nicht minder wunderbar.
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Montag, 18. Februar 2013
ruhrdeutsch + die bochumer polizei = rollanden
An sich, also ganz grundsätzlich, und bis auf Ausnahmen, schätze ich die Polizei und sehe sie als meinen Freund & Helfer. In Bochum habe ich bisher immer nur sehr freundliche, nette und sympathische Ordnungshüter und -hüterinnen angetroffen, die hilfreich sind. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen. Gepaart mit dem Wissenswert, meiner Neugier und dem Folgen des Polizeitickers der Polizei Bochum bei Facebook ergibt das meist vergnügliche Kurzweil.
Klingt vielleicht ein wenig merkwürdig, schließlich geht es doch immer um Verbrechen, Gewalt, Diebe, Einbrecher und viele andere Dinge, die man nicht erleben möchte und die mich auch nicht anziehen. Aber die verwendete Sprache ist oftmals eine wahre Wonne: Da tauchen Ganoven auf, die brachial und dreist vorgehen. Hach, wunderschöne Worte, die Seltenheitswert haben und mich erfreuen.
Letztes Wochenende ging es in Bochum übrigens fast so zu wie in einer richtigen Stadt; sagt jedenfalls die Meldung. Schaut man genauer hin, liest man dies:
Na und, wird der geneigte Leser sagen, ein Tippfehler halt. Aber nein, sage ich, lasst mir die Freude! Denn die guten alten Rinderrouladen heißen umgangssprachlich in ruhrgebietlichen Gefilden schon mal Rollanden.
Wer mehr lesen und informiert sein mag, hier der Link zum Presseportal der Polizei Bochum und hier der Link zum Facebook-Polizeiticker der Polizei Bochum.
Klingt vielleicht ein wenig merkwürdig, schließlich geht es doch immer um Verbrechen, Gewalt, Diebe, Einbrecher und viele andere Dinge, die man nicht erleben möchte und die mich auch nicht anziehen. Aber die verwendete Sprache ist oftmals eine wahre Wonne: Da tauchen Ganoven auf, die brachial und dreist vorgehen. Hach, wunderschöne Worte, die Seltenheitswert haben und mich erfreuen.
Letztes Wochenende ging es in Bochum übrigens fast so zu wie in einer richtigen Stadt; sagt jedenfalls die Meldung. Schaut man genauer hin, liest man dies:
Na und, wird der geneigte Leser sagen, ein Tippfehler halt. Aber nein, sage ich, lasst mir die Freude! Denn die guten alten Rinderrouladen heißen umgangssprachlich in ruhrgebietlichen Gefilden schon mal Rollanden.
Wer mehr lesen und informiert sein mag, hier der Link zum Presseportal der Polizei Bochum und hier der Link zum Facebook-Polizeiticker der Polizei Bochum.
Montag, 21. Januar 2013
etymologische fundstücke: wichsen
Diskussionen überall - sollen und dürfen Kinderbücher umgeschrieben werden? Jein, finde ich, jedenfalls nicht ohne Erklärungen oder Erläuterungen, schließlich bringt es nicht viel, wenn ich Wörter schlichtweg unterschlage, ihre Existenz ignoriere, errötend kichere oder noch schlimmer "Das tut man nicht!" als Erklärung abgebe. Schon gar nicht, wenn ich Wörter auf eine Bedeutung reduziere und ihre Etymologie vernachlässige.
Ja, in dem Buch "Die kleine Hexe" von Otfried Preußler tauchen uns antiquiert erscheinende Wörter auf, die eine Bedeutungsänderung durchlaufen haben - na und? Haben sie nun keine Berechtigung mehr, nur weil sie nicht mehr zeitgemäß sind?
Dann müsste ich den weltbesten Mann mit seinem verqueren, eindeutig mittelhochdeutsch geprägten Schweizer Merkwürdigdeutsch ebenfalls sofort verlassen und die komplette Schweiz sowie große Teile Deutschlands der Sprachzensur unterwerfen. Veränderungen der Sprache sind für mich gang und gäbe, und warum kann man Kindern nicht erklären, was wichsen eigentlich ist? Gut, ich bin keine Pädagogin und auch keine Psychologin, ich bin nicht einmal eine Mutter, aber ich mag unsere alten Wörter.
Ein sehr schönes Beispiel ist das Wort wichsen. Huch, werden nun einige von Euch sagen oder denken, das bedeutet doch onanieren und darüber redet man nicht. Doch, tut man, und man geht noch einen Schritt weiter und bemerkt, dass dieses deutsche Verb seit dem 15. Jahrhundert belegt ist. Es ist Mundart und ich kenne aus einem frühkindlichen, völlig unverfänglichen Zusammenhang, nämlich von meinem Opa, der mir mit hochtrabenden Worten den bedeutungsvollen Vorgang des Schuheputzens erklärte. Das begann mit der Schuhwichse, pardon, der Schuhcreme und endete damit, dass man die Schuhe ordentlich wichsen muss, damit sie wetterbeständig und langlebig sind. Und genau das bedeutet wichsen ursprünglich: mit Wachs bestreichen, wächsen, blank machen oder putzen.
Erst viel später, nämlich im 18. Jahrhundert folgt die zweite Bedeutung - wichsen steht nun umgangssprachlich für prügeln, was allerdings im Ruhrdeutschen eher unter wemmsen oder wemsen läuft. Allerdings steht wemmsen/wemsen hier vor Ort auch für die dritte Bedeutung des Wörtleins wichsen, nämlich onanieren, also umgangssprachlich für die, meist männliche, Selbstbefriedigung. Diese Deutung existiert aber erst seit dem 19., bzw. 20. Jahrhundert und ehrlich gesagt, ich wichse heute noch mit Hingabe Lederschuhe ganz so, wie es mir mein Opa, dessen Vater Schuhmacher war, ausführlich und liebevoll beigebracht hat. Und Hercule Poirot wird sich für mich auf ewige Zeiten dem Ritual des Bartwichsens widmen.
Ja, in dem Buch "Die kleine Hexe" von Otfried Preußler tauchen uns antiquiert erscheinende Wörter auf, die eine Bedeutungsänderung durchlaufen haben - na und? Haben sie nun keine Berechtigung mehr, nur weil sie nicht mehr zeitgemäß sind?
Dann müsste ich den weltbesten Mann mit seinem verqueren, eindeutig mittelhochdeutsch geprägten Schweizer Merkwürdigdeutsch ebenfalls sofort verlassen und die komplette Schweiz sowie große Teile Deutschlands der Sprachzensur unterwerfen. Veränderungen der Sprache sind für mich gang und gäbe, und warum kann man Kindern nicht erklären, was wichsen eigentlich ist? Gut, ich bin keine Pädagogin und auch keine Psychologin, ich bin nicht einmal eine Mutter, aber ich mag unsere alten Wörter.
Ein sehr schönes Beispiel ist das Wort wichsen. Huch, werden nun einige von Euch sagen oder denken, das bedeutet doch onanieren und darüber redet man nicht. Doch, tut man, und man geht noch einen Schritt weiter und bemerkt, dass dieses deutsche Verb seit dem 15. Jahrhundert belegt ist. Es ist Mundart und ich kenne aus einem frühkindlichen, völlig unverfänglichen Zusammenhang, nämlich von meinem Opa, der mir mit hochtrabenden Worten den bedeutungsvollen Vorgang des Schuheputzens erklärte. Das begann mit der Schuhwichse, pardon, der Schuhcreme und endete damit, dass man die Schuhe ordentlich wichsen muss, damit sie wetterbeständig und langlebig sind. Und genau das bedeutet wichsen ursprünglich: mit Wachs bestreichen, wächsen, blank machen oder putzen.
Erst viel später, nämlich im 18. Jahrhundert folgt die zweite Bedeutung - wichsen steht nun umgangssprachlich für prügeln, was allerdings im Ruhrdeutschen eher unter wemmsen oder wemsen läuft. Allerdings steht wemmsen/wemsen hier vor Ort auch für die dritte Bedeutung des Wörtleins wichsen, nämlich onanieren, also umgangssprachlich für die, meist männliche, Selbstbefriedigung. Diese Deutung existiert aber erst seit dem 19., bzw. 20. Jahrhundert und ehrlich gesagt, ich wichse heute noch mit Hingabe Lederschuhe ganz so, wie es mir mein Opa, dessen Vater Schuhmacher war, ausführlich und liebevoll beigebracht hat. Und Hercule Poirot wird sich für mich auf ewige Zeiten dem Ritual des Bartwichsens widmen.
Dienstag, 11. Dezember 2012
atzventzkalendergeschenk: schweizerdeutsch-deutsch
Die deutschschweizerische Sprache, das Schweizerdeutsch, dieser alemannische Dialekt der Deutschschweiz - kurz: Was auch immer die da unten hinter den sieben Bergen sprechen, es ist für mich weiterhin täglich eine Herausforderung. Der weltbeste Mann verfügt halt über einen ausgeprägten Migrationshintergrund (ganz doofes Wort übrigens!), der die Kommunikation erschwert.
Dank Zweitausendeins sein Atzventzkalender bin ich nun aber ein bisschen mehr für die sprachlichen Hürden gerüstet:
So weiß ich, dass mein Mann ein Schnudderi (frecher Bengel) und ein Verschrieb ein Schreibfehler ist. Blüttle bedeutet nackt sein (woher das wohl stammt?), ein Vernehmlassungsverfahren (das haben die sich doch ausgedacht!?) ist eine Anhörung politischer Meinungen zur Verwässerung von Vorlagen und ein Stinkrüebli eine Zigarette. Potzblitz heißt Sterneföifi (ich brauche ein etymologisches Wörterbuch der Schweiz) und das (natürlich schweizerisch korrekt genormte) Paketfach am Briefkasten nennt man Milchchäschtli.
Die Liste lässt sich problemlos und schier unendlich erweitern, was ich eifrig tun werde und in ca. 20 Jahren kann ich mich dann auch endlich ohne Kichern und Fragezeichen in den Augen ganz entspannt mit meinem Mann unterhalten. Wenn er dann nicht bereits perfektes Ruhrdeutsch beherrscht und artikuliert (ja, wir versauen ihn ziemlich) oder sein (manchmal) antiquiertes Hochdeutsch upgedatet (noch so ein schreckliches Wort) hat.
Fragt bitte nicht nach der Aussprache, die helvetischen Sprachgewohnheiten durchschaue ich nur bedingt und gedenke sie auf keinen Fall auszuprobieren! Ich habe mich letzten Woche hemmungs- und haltlos in Belgisch-Niederländisch verliebt und kann dort eindeutig größere Erfolge und mehr Entgegenkommen verzeichnen.
PS. Tinas Lieblingswort pfuusen (schlafen) habe ich auch bereits entdeckt und erweitere gerne ihre Möglichkeiten:
Dank Zweitausendeins sein Atzventzkalender bin ich nun aber ein bisschen mehr für die sprachlichen Hürden gerüstet:
So weiß ich, dass mein Mann ein Schnudderi (frecher Bengel) und ein Verschrieb ein Schreibfehler ist. Blüttle bedeutet nackt sein (woher das wohl stammt?), ein Vernehmlassungsverfahren (das haben die sich doch ausgedacht!?) ist eine Anhörung politischer Meinungen zur Verwässerung von Vorlagen und ein Stinkrüebli eine Zigarette. Potzblitz heißt Sterneföifi (ich brauche ein etymologisches Wörterbuch der Schweiz) und das (natürlich schweizerisch korrekt genormte) Paketfach am Briefkasten nennt man Milchchäschtli.
Die Liste lässt sich problemlos und schier unendlich erweitern, was ich eifrig tun werde und in ca. 20 Jahren kann ich mich dann auch endlich ohne Kichern und Fragezeichen in den Augen ganz entspannt mit meinem Mann unterhalten. Wenn er dann nicht bereits perfektes Ruhrdeutsch beherrscht und artikuliert (ja, wir versauen ihn ziemlich) oder sein (manchmal) antiquiertes Hochdeutsch upgedatet (noch so ein schreckliches Wort) hat.
Fragt bitte nicht nach der Aussprache, die helvetischen Sprachgewohnheiten durchschaue ich nur bedingt und gedenke sie auf keinen Fall auszuprobieren! Ich habe mich letzten Woche hemmungs- und haltlos in Belgisch-Niederländisch verliebt und kann dort eindeutig größere Erfolge und mehr Entgegenkommen verzeichnen.
PS. Tinas Lieblingswort pfuusen (schlafen) habe ich auch bereits entdeckt und erweitere gerne ihre Möglichkeiten:
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Dienstag, 2. August 2011
hommage an fensterrentner.
Ich dachte, sie seien eine aussterbende Gattung:
Rentnerinnen und Rentner, die ihre Ellenbogen auf ein Kissen, das auf der Fensterbank des geöffneten Fensters liegt, legen und sich die Welt da draußen interessiert und mit bewundernswerter Ausdauer begucken. Dazu trinken sie manchmal ein Bierchen, rauchen eine Zarette, geben schlicht ab und an bissige Kommentare ab oder schauen sich einfach seelenruhig um. Das Ganze nennt sich Fensterrentner - und ist eine Erfindung des Ruhrgebiets.
Rentnerinnen und Rentner, die ihre Ellenbogen auf ein Kissen, das auf der Fensterbank des geöffneten Fensters liegt, legen und sich die Welt da draußen interessiert und mit bewundernswerter Ausdauer begucken. Dazu trinken sie manchmal ein Bierchen, rauchen eine Zarette, geben schlicht ab und an bissige Kommentare ab oder schauen sich einfach seelenruhig um. Das Ganze nennt sich Fensterrentner - und ist eine Erfindung des Ruhrgebiets.
Aber ich kann ganz beruhigt sein, Immigranten begeistern sich ebenfalls für unsere uralte Tradition:
![]() |
| Foto: Barbara Piontek |
wortfeilchen
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Montag, 18. Juli 2011
Donnerstag, 30. Juni 2011
ruhrgebietsdeutsch: brass.
Wir im Ruhrgebiet haben es gut, wir haben nämlich Brass:
![]() |
| Quelle: http://www.ruhrgebietssprache.de/lexikon/brass.html |
Brass haben macht manchmal Spaß, vor allem, wenn man den Brass rauslassen kann, das tut dann ungemein gut. Aber meist ist so ein Brass eher anstrengend, denn man geht sich damit fast immer und am mehrsten selbst auf die Nerven.
Brass ist angesammelte, aufgestaute Wut oder Ärger, die fast immer einen guten Grund hat. Brass hat man, wenn einem den ganzen Tag nichts gelingt und man zwei linke Hände hat. Brass kann aber auch durch andere Menschen, die einem den letzten Nerv rauben, verursacht werden, was einen dann ärgert - und schon hat man ordentlich Brass. Der Brass kriecht einem durchs Gedärm und ist ein dabei ein hartnäckiges Biest.
![]() |
| Quelle: http://www.duden.de/suchen/dudenonline/Brass |
Hat man so richtig schön Brass, kann man den auf verschiedene Arten auflösen, das hängt immer von der jeweiligen Veranlagung ab: Manche trinken einen Schnaps und verabschieden den Brass so. Andere gehen eine Runde um den Block und treiben Sport, das mag so ein Brass nicht so wirklich und verschwindet freiwillig. Brüllen, jammern, zetern, lachen, schweigen - die Möglichkeiten sind vielseitig.
Und Ihr da draußen in den deutschsprachigen Landen, kennt Ihr das Wort Brass überhaupt? Oder heißt das bei Euch anders?
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Freitag, 24. Juni 2011
das ruhrgebiet zum aufkleben.
Nun gibt es sie auch für das Ruhrgebiet - einen, eigentlich sogar zwei Aufkleber, die man sich bevorzugt auf das Auto kleben kann. Beide Aufkleber zeigen den Umriss des Ruhrgebiets. So signalisiert man relativ dezent seinen Lokalpatriotismus und kann selbigen prägnant auf jeder Straße und auch jeder Autobahn ausdrücken. Die beiden Aufkleber namens Aufkleber Ruhrgebiet sehen so aus:
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| Quelle: http://www.extraruhr.de/shop |
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| Quelle: http://www.extraruhr.de/shop |
Die Idee ist nicht neu: In den 1980ern gab es eine ähnliche Manie schon einmal in Form eines Syltaufklebers, der auf unzähligen Golf-Cabrios zu sehen war. Schön fand ich es nicht, war es doch eher Sinnbild sogenannter Yuppies, die mit Vorliebe unsägliche Polohemden zu schrecklichen Bundfaltenhosen trugen - natürlich in grausigen Farben. Pfui und peinlich war das für mich, verstanden habe ich es auch nie und fragte mich insgeheim immer, ob die das nötig haben.
Und dann mag ich auch keine Aufkleber, generell nicht und auch nicht auf meinem Auto. Obwohl die beiden Ruhrpottaufkleber nun wirklich weder einen peinlichen Spruch noch merkwürdige Farben aufweisen und auch keine einzelne Stadt der Ruhrgebiets präferieren. Hm, vielleicht denke ich doch noch einmal über den Erwerb eines Ruhrpottaufklebers nach.
Wer aber jetzt, sofort und unbedingt mag, kann einen oder beide Aufkleber für recht kleines Geld im Online-Shop von extraRuhr bestellen:
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| Quelle: http://www.extraruhr.de/shop |
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Freitag, 3. Juni 2011
ausschreibung: literaturpreis ruhr 2011.
Seit 1986 vergibt das LiteraturBüro Ruhr den Literaturpreis Ruhr. Natürlich wird der mit 10.000 Euro dotierte Hauptpreis auch dieses Jahr vergeben. Weiterhin werden zwei Förderpreise zum Thema Keine Kohle ausgeschrieben, die mit einem Preisgeld von je 2.555 Euro verbunden sind.
Gefragt sind Geschichten, die mit dem utopischen Potenzial des Ruhrgebiets spielen. Bewerbungen können noch bis zum 30.06.2011 eingereicht werden, aber bitte keine Eigenbewerbungen.
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Freitag, 6. Mai 2011
samenbomben im dortmunder westend.
Hübsch anzusehen und dazu ökologisch absolut empfehlenswert sind sie, die wilden Blumen, die an unerwarteten Stellen und auf öffentlichen Grünflächen in Großstädten nach und nach erblühen - und nicht in Reih und Glied vom städtischen Grünflächenamt gepflanzt wurden. Guerilla Gardening heißt diese heimliche Begrünung.
Ursprünglich als aufmüpfige und oftmals politische Protestaktion in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in New York begonnen, findet dieses urbane Gärtnern auch in Deutschland immer mehr Freunde.
Was es genau Guerilla Gardening ist, wie es funktioniert, was eine Samenbombe ist und vor allem, was die lokale Stadtverwaltung dazu sagt, haben das Dortmunder Dreamteam Holger Steffens und Werner Ahlke vor Ort getestet:
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Mittwoch, 30. März 2011
zechen. in bochum.
Erstaunlicherweise halten sich die Vorurteile hartnäckig: Im Ruhrgebiet ist es sehr dreckig. Alles ist voller Abgase, Industrie und Zechen. Es gibt kein Grün und wir Ruhrpotteingeborenen leben entweder aufm Pütt, unter Tage, am Schmelzofen oder zumindest auf einer Halde aus Schlacke. Reine Luft ist Luxusware und schwarze Schwaden durchziehen die Luft.
Erstaunlich, weil ich mich nicht an eine arbeitende Zeche erinnern kann, die letzte Bochumer Zeche schloss nämlich bereits 1973. Noch erstaunlicher, weil ich bei meinem letzten Zürichaufenthalt die Feinstaub-, Abgas- und Ozonwerte von Zürich und Bochum miteinander verglich und herausfand, dass jede einzelne der drei Messstellen in Zürich zwei- bis dreimal höhere Werte anzeigte als Bochum. Nebenbei, gemessen wird in Bochum-Riemke, direkt an der Herner Straße, in der Nähe der A40 - und wer Bochum kennt, der weiß - da gibt es reichlich Verkehr und relativ wenig Grün.
Zurück zu den Zechen.
Die Stadt Bochum zeigt seit kurzem auf ihrer Website 59 (ehemalige) Bochumer Zechen in Wort und Bild. Von den meisten der Zechen habe ich noch nie gehört und finde es daher aufregend und informativ auf diesem Weg mehr über Bochums Vergangenheit zu erfahren.
Da wäre eine Zeche, die 1955/56 geschlossen hat und den ungewöhnlichen Namen Fröhliche Morgensonne trägt:
Oder auch die Zeche Sankt Barbara, die bis 1965 in Bochum-Stiepel Kohle förderte:
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Mittwoch, 2. März 2011
ruhrdeutsch: kabachel.
Im restlichen Deutschland nennt man es möglicherweise Baracke, Ruine oder Schuppen. Im Ruhrgebiet sagt man zu einem alten und maroden Haus, in dem sich die Ratten freundlich die Hand schütteln, Spinnen wohlig ihre Netze ausbreiten und es dermaßen verranzt ist, dass man sich entweder empört umdrehen oder schleunigst die Putzutensilien schwingen mag wie? Genau, Kabachel.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es der, die oder das Kabachel heißt, aber im Endeffekt wahrscheinlich egal - Kabachel ist Kabachel und bleibt Kabachel.
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Dienstag, 22. Februar 2011
die besten im westen: das spardosen terzett & glück auf, ruhrgebiet.
Der WDR sucht die beliebtesten Lieder des Ruhrgebiets und präsentiert auf der Internetseite 20 Vorschläge, aus denen wir unsere 5 Favoriten auswählen können. Die besten 15 werden am 16. März 2011, 21 Uhr, im WDR-Fernsehen gezeigt.
Oberhausen von den Missfits ist dabei, ebenso Die Mädchen aus dem Kohlenpott und auch Der Mond von Wanne-Eickel. Ja, auch Herbert Grönemeyer mit der Hymne auf meine Heimat Bochum ist vertreten, aber wer fehlt? Eben, das Spardosen-Terzett. Das kann nicht sein, kommt nicht in die Tüte und dazu protestiere ich lautstark und voller Inbrunst!
Das Spardosen-Terzett hat nämlich die weltbeste Ruhrgebiet-Hymne, die es überhaupt jemals geben wird, vertont: Glück auf, Ruhrgebiet. Außerdem sind sie ganz viel wunderbar, ungemein witzig und überhaupt sooooo nett, dass sie zu den Besten, in die Abstimmung und ins Fernsehen gehören. Und genau aus diesem Grund müssen wir uns beschweren und eine E-Mail an diebesten@wdr.de schreiben und unser Veto kundtun!
Und falls Ihr vergessen habt, wie schön, berührend und passend Glück auf, Ruhrgebiet vom Spardosen-Terzett klingt, bitteschön:
Ich zähl auf Euch!
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