Donnerstag, 12. Januar 2012

von meinen schwierigkeiten mit schweizer büchern oder wortfindungsstörungen: schnurre

Der Deutschschweizer an sich spricht kein Hochdeutsch, er empfindet dieses Vorgehen als reichlich affektiert, als eine Art Bühnendeutsch und fühlt sich reichlich unwohl dabei. Man spricht den lokalen Dialekt. Schluss, aus, fertig. Hochdeutsch, das in der Deutschschweiz Schriftdeutsch heißt, wird - wie es der Name bereits aussagt - lediglich schriftlich genutzt. Oder Standarddeutsch. Oder doch Regiolekt. Oder eine selbsterfundene Mischung. Die Befindlichkeiten des Deutschschweizers bezüglich seiner Artikulation sind eigen. Bedingt durch die Erfahrungen der letzten Jahre war mir dieses Verhalten durchaus klar, auch wenn ich es nicht nachvollziehen oder logisch erklären kann.

Aber es begibt sich, dass ich hin und wieder Bücher lese, die aus der Deutschschweiz stammen, dort geschrieben oder zumindest dort lektoriert wurden. An sich kein Problem. Sollte man denken. 

Ist es aber doch, denn ohne Duden irre ich manchmal sehr verloren durch die Deutschschweizer Sprachlandschaften. In solchen Büchern tauchen Wörter auf, die ich in keinen Zusammenhang bringen kann. 

Ein Beispiel ist das Wort Jupe. Ein anderes Schopf. Steht in einem Buch, das mir meine Schwiegermutter ans Herz gelegt hat. Ja, wird der geneigte Leser nun sagen, Du kennst keinen Schopf, den man betreten kann? Nein, muss ich dann zugeben, ich musste nachfragen und recherieren:


Nun wurde ich vom weltbesten Mann, nämlich meinem, großzügig beschenkt, eine Biografie des heißgeliebten Friedrich Dürrenmatt. Ein wunderschönes, edles, gebundenes und dickes Buch, aber erneut wirft die Wortwahl immer wieder Fragen auf; dieses Mal stolperte ich über das Wort Schnurre. Immer wieder.

Nachdenken brachte mich weiter, für mich schnurrt eine Katze, aber eine Schnurre aus dem Leben Dürrenmatts? Trug der Fritz einen Schnurrbart und so heißt die Rotzbremse in der Schweiz? Eine Schnur kann es doch auch nicht sein, also musste wieder ein Wörterbuch ran. Aha, eine Schnurre ist eine scherzhafte Erzählung:



Man beachte bitte den Zusatz veraltet, dem ich auf meiner Suche nach Deutschschweizer Wörtern sehr oft begegne. Schaue ich nämlich tiefer in die jeweilige Etymologie, stoße ich fast immer auf mittelhochdeutsche Wurzeln der rätselhaften Wörter.

So auch bei der Schnurre: Im ausgehenden Mittelalter, im 16. Jahrhundert gab es eine lärmende Gerätschaft, die Schnurre hieß und wohl das war, was wir als Ratsche, Knarre oder Brummkreisel kennen. Possenreißer und Bettler machten damit auf sich aufmerksam und - jetzt kommt es - daraus entstand die Assoziation von Schnurre zu Posse/komischem Einfall. Das schnurrende Geräusch kündigte hörbar eine lustige Anekdote an. Nebenbei bemerkt erfand man im 18. Jahrhundert das passende Adjektiv schnurrig, das possierlich oder lächerlich bedeutet.

Sicher, ein Deutscherschweizer Buch ist ein Abenteuer, eine spannende Herausforderung, schließlich wird es nie langweilig, weil ich etwa auf jeder Seite gefordert bin, mich fragend am Kopf kratze, auf die Suche gehe und dabei immer etwas lerne. Andererseits kann es auch reichlich ermüdend sein und mich gehörig nerven. 

wortfeilchen

PS. Und nun sagt mir bitte, ob Ihr Jupe, Schopf und Schnurre kennt?

Kommentare:

Susanne hat gesagt…

Schnurre kannte ich, Schnurre kannte ich! Den Rest aber nicht.

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

Wegen die Gerechtigkeit muss ich nun aber auch sagen, was mir ein Schweizer gerade gesagt hat: In Deutschland wird er wegen seinem Dialekt belächelt oder ausgelacht - er ist niedlich und putzig und komisch, aber Dialekt in Deutschland wird sehr oft als ungebildet bzw. zur Unterschicht gehörend empfunden.

Stimmt, muss ich sagen, Bayern ist ja auch nicht Deutschland ;-)

Frau Elise hat gesagt…

"Schnurre" findet man doch sehr häufig in deutscher Literatur in Texten aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert - dass das ein schweizerisches Wort sein soll, glaube ich eigentlich nicht. Und ich meine, ich hätte das auch in mittelalterlichen Texten schon öfter gesehen - im Till Eulenspiegel taucht das glaube ich auch auf, wenn ich mich nicht irre.

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

@Susanne: Ab heute bist Du meine Heldin! :-)

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

Nun, ich bin von Haus aus eher in Texten bis 1600 heimisch, beherrsche Mittelhochdeutsch, Althochdeutsch und viele andere Sprachen, von denen die meisten Menschen nie gehört haben, aber Schnurre? Nee, dat kenn ich nicht.

Sobald ich meine Kartons ausgepackt habe, schaue ich aber mal im Till Eulenspiegel nach :-)

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

Wo habe ich gesagt, dass Schnurre ein Schweizer Wort ist? ;-)

Schneeflocke hat gesagt…

Der Schopf heißt auch in (Süd)Deutschland Schopp (in der Pfalz). Die Jupe kenne ich aus dem Elsaß - müsste eigentlich der Rock sein nicht wahr?

LG Birgit

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

Danke, aber Ihr müsst auch bedenken, dass ich aus einer Region nördlich der Benrather Linie stamme - südlich von Köln beginnt für mich das sprachliche Ausland, d. h. Ihr das unten versteht Euch leichter untereinander.

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

Ja, Birgit, Jupe ist ein Rock, aber wohl einer, der das Knie gerade eben bedeckt, so eine Art Businessrock.

Bettina hat gesagt…

ja, die kenne ich - aber ich habe den unschätzbaren Vorteil, in der deutschen Schweiz aufgewachsen zu sein. Das muss man wohl, um gewisse Bücher ohne Hilfe von Wörterbüchern zu lesen, zB "der große Kater" von Thomas Hürlimann (verfilmt mit Bruno Ganz). Ich wurde belehrt, dass die Schweizer Ausdrücke notwendig sind zur Wiedergabe der allgemeinen Stimmung. Der Autor lebt bekanntnlich in Deutschland und kann auch richtig hochdeutsch schreiben.

Bettina hat gesagt…

da muss ich protestieren; Jupe ist ein ganz gewöhnlicher Rock. Im Gegensatz zum schweizerischen Rock, was Kleid bedeutet

Bettina hat gesagt…

Ach ja, und übrigens Schnurre kann auch "Maul" bedeuten. In der Ostschweiz heisst es "Schnörre" oder auch "Schnorre" - kein sehr feiner Ausdruck als Substantiv !
Im Gegensatz dazu das Verb mit der Bedeutung "reden,schwatzen² . Das kann man auch in guter Gesellschaft benutzen.

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es ein Vorteil ist, wenn man in der Deutschschweiz aufgewachsen ist, aber ich gönne Dir den Gedanken natürlich von Herzen.

Jein, regionale Wörter geben Stimmungen wieder, die Hochsprache ... nun ja ;-)

Ich bleibe bei meinem neumodischen Dummtüch, immerhin kenne ich schnorren und schnurren ;-)

Anonym hat gesagt…

Also ich kannte alle drei: Jupe ist aus dem französischen (ein echter Rock), im deutschen wohl eher als Jacket bekannt (früher als Joppe bezeichnet). Die Schnurre taucht in fast jedem Buch aus dem 19.Jahrhundert auf und der Schopf ist noch heute ein Alltagswort in der Pfalz.