Montag, 28. März 2011

verlorene worte: genant.

Wer außer mir benutzt eigentlich noch das wunderschöne Wort genant? Vielleicht geniert man sich einfach nicht mehr. Oder andere Begriffe ersetzen den Begriff.

Immerhin meint auch der Duden, das Wort genant sei veraltet und nennt die Synonyme schamhaft, unangehm, peinlich, gehemmt und unsicher sowie schüchtern und verlegen. Stimmt, das sind alles Adjektive, die wohl dem Zeitgeist kaum mehr entsprechen.

Wobei ich anmerken möchte, dass das Adjektiv genant für mich eine andere Bedeutung hat: Jemand, der genant ist, schämt sich seiner (möglichen) Nacktheit; geniert sich, die Kleidung abzulegen oder möchte nicht, dass man sich seiner Intimsphäre unangemessen nähert.

Etymologisch entstammt genant dem Französischen; und zwar als Adjektiv von gênant, was so viel wie lästig, unangenehm, peinlich und gehemmt bedeutet. Das althochdeutsche Verb jehan (gestehen), mit dem auch das Wort Beichte zu tun hat, ist mit genant verwandt.

wortfeilchen

PS: Interessant ist die Google-Suche nach dem Wörtlein genant, denn augenscheinlich verwechseln sehr viele Menschen genant mit genannt.

Kommentare:

NichtVegetarier hat gesagt…

Schönes Wort! Aber eben leider, auch bei mir, schon viel zu weit im Kopf nach hinten weggerutscht! Aber manchmal muss man ja vielleicht auch einfach darauf stolz sein, das man dem Wort überhaupt eine Bedeutung zuweisen kann. Wobei ich bei der Überschrift (Deinem Tweet) ja auch erst zwanghaft versucht habe, da immer noch ein "n" dranzuhängen.
Danke für die umfassende Erinnerung an ein schönes Wort, welches "schüchtern und verlegen" fast lieblich beschreibt!

LG NichtVegetarier

Gabi hat gesagt…

In der Tat ein schönes Wort. Wie du bin ich der Meinung, daß »genant« eine etwas andere Bedeutung als seine Synonyme hat, wie ja auch »sich genieren« nicht mit »sich schämen« identisch ist.

Michael hat gesagt…

Obwohl ich an der französischen Grenze aufgewachsen bin, gehört das Wort nicht zu meinem aktiven Wortschatz. Kann ich das über die lange Zeit nicht mehr abschätzen oder klingt es wirklich eher nach bayerischer oder österreichischer Verwendung? Ich höre es jedenfalls in meinem Kopf immer zusammen mit einem österreichischen Akzent.

Thomas Pfann hat gesagt…

Sehr interessant! Ich muss allerdings gestehen, dass ich zunächst überhaupt nicht wusste, um was es hier geht. Erst bei der Erklärung, dass es von „genieren“ kommt, fiel bei mir der Groschen: „Ahh, um das Wörtchen 'schinant' geht es“. Was natürlich so nicht geschrieben wird - allerdings hielt ich es bislang ohnehin für ein Wort, das nur der Umgangssprache, wenn nicht gar der Mundart, zuzuordnen ist. Nun bin ich froh, dass ich eines Besseren belehrt wurde.

In meiner Familie - und ich denke, auch in meiner Heimatregion (Franken) - wird das Wort durchaus noch sehr häufig verwendet- zumindest im mündlichen Sprachgebrauch. Im Schriftlichen würden die meisten (wie ja auch ich selbst) sicher über das ungewohnte Wörtchen „genant“ stolpern.

Bei der letzten Rechtschreibreform muss man das Wort wohl übersehen haben, sonst wäre heute sicher auch die eingedeutschte Schreibweise „schinant“ im Duden enthalten.

doro hat gesagt…

kannte ich garnicht, absolut garnicht, noch nie gehört.

Francisco Kuhlmann hat gesagt…

Schließe mich meiner Vorschreiberin an. Noch nie gehört oder gelesen, geschweige denn verwendet.

LG
FK

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

Danke, mein lieblicher NichtVegetarier!

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

Danke, Gaby, manchmal denke ich, mein Gehirn spinnt ;-)

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

@Michael Ich mit ostpreußischem, wegen Oma aus Ostpreußen. Vielleicht mal den Sprachatlas fragen oder bitte zu recherchieren!

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

Lieber Thomas, schön zu hören. Bitte halte es am Leben!

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

@Doro Dabei hast Du doch so einen großen Wortschatz. Noch nie gelesen?

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

@FK Hm, was heißt genant denn auf spanisch? Müsste doch ähnlich sein.

Francisco Kuhlmann hat gesagt…

Meine Gute,

der liebe alte Slaby-Großmann (meine uralte Ausgabe von 1973) verweist mich unter dem Eintrag "genant" auf "genierend". Und dort finde ich: "genierend, genierlich adj, incómodo, molesto". Wobei ich incómdo mit "unbehaglich" rückübersetzen würde. Der Pons kennt aber noch mehr dafür.

Tja, wieder etwas gelernt

LG
FK
PS: Was macht der Rücken?

63mg hat gesagt…

Ich benutze das und ernte relmäßig Gesichter wie dicke Fragezeichen - schon das ist ein Grund, das Wort zu benutzen ;)

Stephanus hat gesagt…

Später Beitrag, fast genier ich mich der literarischen Anzeige:

Wer sich noch an Abiturlesequalen erinnert, mag im Gedächtnis noch Fontanes „Effi Briest“ präsent halten:
Im dritten Kapitel findet dies statt, ein Teeanger-Gespräch würde man heute sagen, ein Tuschelei unter nicht-aufgeklärten Mädchen:

»Gott, Effi, wie du nur sprichst. Sonst sprachst du doch ganz anders. «
»Ja, sonst.«
»Und bist du auch schon ganz glücklich?«
»Wenn man zwei Stunden verlobt ist, ist man immer ganz glücklich. Wenigstens denk ich es mir so.«
»Und ist es dir denn gar nicht, ja, wie sag ich nur, ein bißchen genant ? «
»Ja, ein bißchen genant ist es mir, aber doch nicht sehr. Und ich denke, ich werde darüber wegkommen.«


Auch hier, eine wahrhaftig recht komplizierte Vergegenwärtigung eines komischen, schwer auszumachenden Gefühls, des „Genanten“.

Stephanus hat gesagt…

Spät und ungenant, nicht ungenannt, nachgetragen:

Ja, “genant“ ist absolut selten; nicht nur in der Alltagssprache, auch im literarischen Bereich, der bei Gutenberg online (mit 15000 Werken) nachgewiesen ist, habe ich es nur dreimal gefunden. (Einmal von Goethe, als er als Rechtsanwalt, eben der junge Lizentiat der Rechte, firmierte. Diesen Funde unterschlage ich hier; weil JWG sich der französischen Floskel im Sinne seines Mandanten bediente.)

Zweimal "genant" - ohne Unterschleif!

Der freundliche Humorist, der Christian Morgenstern berichtet vom
„Stein-Platz zu Charlottenburg“:

Den Stein-Platz soll ein Elefant
von Gaul, so hör ich, schmücken;
doch manche schelten dies genant
und finden keine Brücken

vom Elefanten bis zu Stein,
von Stein zum Elefanten und
sagen drum energisch nein
zu dem zuerst Genannten.

Und doch! War Stein kein großes Tier?
Ich denke doch, er war es.
Und gilt der Elefant nicht schier
als Gottheit in Benares? ...

Ihr wackern Richter, laßt den Wert
des Werks den Streit entscheiden!
Der Stein, den uns ein Gaul beschert,
wird seinen Stein-Platz kleiden.

Ihr, die man ein Kulturvolk heißt,
wagts doch, Kultur zu haben!
Und dankt dem Bildner Stein im Geist und nicht nach dem Buch-Staben!

*

Und zwotens, ganz klassisch-abiturwürdig:
Wer sich noch an arge oder sogar genante Abiturlese- und Schreibqualen erinnert, mag im Gedächtnis noch Fontanes „Effi Briest“ präsent halten:

Im dritten Kapitel findet dies statt, ein Teeanger-Gespräch würde man heute wohl sagen, zwischen Hertha, Tochter des Kantor Jahnkes, und Effi, der Jung-Verbloten, pardon: -Verlobten:

»Gott, Effi, wie du nur sprichst. Sonst sprachst du doch ganz anders. «
»Ja, sonst.«
»Und bist du auch schon ganz glücklich?«
»Wenn man zwei Stunden verlobt ist, ist man immer ganz glücklich. Wenigstens denk ich es mir so.«
»Und ist es dir denn gar nicht, ja, wie sag ich nur, ein bißchen genant ? «
»Ja, ein bißchen genant ist es mir, aber doch nicht sehr. Und ich denke, ich werde darüber wegkommen.«

Auch hier eine wahrhaftig recht komplizierte Vergegenwärtigung eines eigenartig-komischen, schwer auszumachenden Gefühls, das „genant“, für das Meister Fontane keine deutschsprachige Erklärung fand.
Aber, "Gott" (wie Hertha sagte): Effi hat ihr Gewissen für sich und ihre eigene persönliches, körperlich-geistiges Gefühlsleben nur sehr diffus bewahrt; auch wenn sie wegen ihrer psychosomatischen Leiden nicht mehr zu einer eigenständigen, überlebensfähigen Frau gesunden, sich nicht mehr rehabilitieren konnte.
Ihr blieb aber der Trost in oder auf Gott (in der kindesprachlichen Form allen Trostes).
Und Fontane? Mit Papa Briest überlässt er unsere Fragen und Antworten einem "weiten [unbestellten] Feld".

Eine genante Redensart!
Auf dem Feld müsste man/frau - eben der adamitische Mensch - ja eigentlich säen und ernten - hegen und pflegen, grubbern und dreschen; die Fruchtfolgen bestimmen nach vegetabiler oder psychosomatischer Fruchtbarkeit und Lebens-Widrigem, nach Vaterschaft und Vaterwirtschaft - nach Leben und Tod.

Gut - das das noch kein Deutschlehrer so genau gelesen hat (mit dem Feld) ... - es wird als Redensart beurteilt, der man nicht nachzuspüren hat. Das ist die Un-Frucht (als tote Hülse) der Abiturprüfung Deutsch im Jahre 2010. Aufgabe 4 in NRW: "Stellen Sie die Grundlagen und die Beschaffenheit der Ehe zwischen Effi und Innstetten darf und prüfen Sie kritisch..." (Vgl. Abitur. Prüfungen 2012. STARK-Verlag 2011. S. 2010-35).
Aber Fontane ist .. nicht totzukriegen.



Aber er bediente sich gerne der Gallizismen, ganz ungenant.