Montag, 11. April 2016

redewendungen und rechtschreibung: wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Es mag Sie vielleicht erstaunen, doch die Redensart Wer zuerst kommt, mahlt zuerst hat rein gar nichts mit Malbüchern für Erwachsene und auch nicht mit den mehr oder weniger überzeugenden Kritzeleien Ihres Nachwuchses zu tun. Es geht schlicht und einfach ums Mahlen. Genauer: um das Mahlen von Mehl. Und ganz genau: Um eine Art gesetzliche Regelung des Mittelalters, in der das Mahlen von Mehl in der Mühlenordnung festgelegt war. Dementsprechend schreiben Sie bitte nicht malen, sondern mahlen - mit h. Dankeschön.

Foto: wortfeiler | Barbara Piontek

 

Der Sachsenspiegel: von der Kürze in die Länge


Falls Sie mehr wissen möchten, lesen Sie nun weiter. Die Redewendung ist kein sinnfreier Spruch, keine Bauernregel, keine christliche Belehrung - dahinter steckt etwas. Nämlich der Sachsenspiegel, der zwischen 1220 und 1235 entstand und das älteste Rechtsbuch ist, das wir haben. Vielleicht gab es ältere Aufzeichnungen, aber die haben wir leider nicht mehr, ergo:

Der Sachsenspiegel wurde von Eike von Repgow, der mit seiner Familie in Reppichau als Vasall der Erzbischöfe von Magdeburg lebte, geschrieben. (Wie und warum es die Repgows als Ostfalen aus Niedersachsen in die Provinz nach Sachsen-Anhalt verschlug, nun, das könnte prosaische Ursachen haben oder eine interessante Geschichte mit sich bringen - ich weiß es leider nicht.) Der Sachsenspiegel beruht (sehr wahrscheinlich) auf einem lateinischen Werk namens Auctor vetus de beneficiis und wir gehen davon aus, er wurde im Auftrag (von Kirche und/oder Adel) geschrieben und auch nicht alleine von Eike von Repgow. Im Sachsenspiegel geht es um Landrecht und Lehnrecht.

Der Sachsenspiegel ist eine ganz tolle Sache. Er ist nämlich nicht nur sehr alt, es handelt sich dabei auch um die erste Prosaliteratur, die in Mittelniederdeutsch verfasst wurde. (Weil wir nicht wissen, ob es davor noch etwas gab, gehen wir davon aus, es ist so.) Die Sache mit der Schriftlichkeit ist auch wichtig zu erwähnen, denn - aus welchen Gründen auch immer - war mittelalterliches Recht ein Gewohnheitsrecht, das mündlich überliefert wurde. Der Sachsenspiegel war so beliebt und erfolgreich, das er eine sehr große Verbreitung erfuhr, z. B. bis in die Niederlande, ins Baltikum, als Vorlage für andere Rechtsbücher galt und bis ins 19. Jahrhundert angewendet und verwendet wurde.

Regeln über Regeln und eine Mühlenordnung


Eine der vielen Regelungen des Sachsenspiegels ist die Mühlenordnung. Müller war kein sonderlich ehrbarer Berufsstand, sie standen stetig im Verdacht falsch zu wiegen, zu messen und zu rechnen. Und weil das schlecht fürs Geschäft war, und die Landesherren sich nicht dauernd Beschwerden anhören mochten und Geld verdienen wollten, kam ihnen die Mühlenordnung sehr recht. Jedenfalls findet sich in dieser Ordnung der denkwürdige Satz: Die ok irst to der molen kumt, die sal erst malen. Heute heißt er: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Dennoch stammt genau dieses Sprichwort aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts, aus dem Sachsenspiegel und der Mühlenordnung. 

Und wenn Sie nun doch etwas neugierig geworden sind und einen Blick in den Sachsenspiegel werfen möchten, so können Sie das problemlos und einfach: Der digitalisierte Sachsenspiegel steht für Sie bereit. Aber natürlich nur, wenn Sie in Zukunft Wer zuerst kommt, mahlt zuerst mit h schreiben.

Donnerstag, 7. April 2016

malbücher für erwachsene: linientreue affirmation.

Trends zu folgen ist mir fremd. Woran das liegt, dazu können Theorien bemüht und mir wilde Ideen um die Ohren gehauen werden. Was alle gerade und jetzt machen, oder demnächst machen wollen, sollen, werden und können, nun, das geht an mir vorbei. Daher ist es keine Überraschung, dass ich erst in den letzten Wochen auf ein Phänomen stieß, das mich weiterhin erstaunt: 

Verlage jubilieren, Schreibwarenhändler (so es sie noch gibt) wundern sich über leere Regale und Stifthersteller machen Überstunden - Malbücher für Erwachsene sind der Grund. Natürlich hat der Trend nicht einen so banalen Namen, Adult Coloring lautet die korrekte, trendige Bezeichnung des Hobbys für jedermann. Und es ist eine ernste Sache, die mit Hingabe, Vehemenz und Akribie betrieben wird. Schließlich werden weitreichende Entscheidungen getroffen! Welches Rot oder doch lieber Lila? Oh, wahrscheinlich ist das mein Kardinalfehler: Bestimmt geht es um Farben, die Mauve oder Schlamm heißen. Die Qual der Wahl aus dem eigenen Sortiment der 140 Buntstifte hat schließlich weitreichende Folgen. 

Stifte raus!

 

Theorie ist eine Sache, Praxis die andere. (Und nicht der klingonische Mond.) Also habe ich es getan. Die Buntstifte rausgekramt, Anspitzer und Radiergummi ebenfalls und frisch ans Werk. Vielleicht waren die Ausgangsvoraussetzungen ein wenig unfair, denn ein Malbuch habe ich nicht gekauft, lediglich einen Auszug aus einem ausgedruckt. Stifte habe ich auch nicht gekauft, sondern genommen, was da war, wobei das vielleicht den Eventcharakter schmälert. Möglicherweise habe ich mir nicht ausreichend Mühe gegeben und hätte Schattierungen und Verwischungen einbauen sollen und bestimmt habe ich nicht den notwendigen Ernst an den Tag gelegt. Aber, he, ich habe es getan! 

Und weil ich gelesen habe, dass eigene Werke präsentiert werden sollen, hier ist es: 


Das Erlebnis, nun, es ist eher unbefriedigend. Die Entspannung ließ trotz des Zeitaufwandes und der Gestaltung des passenden, reizarmen Umfeldes auf sich warten. Im Gegenteil, mein Nacken verspannte sich und eigentlich wollte ich die Vorlage dauernd verändern, ergänzen und ganz anders machen. Auch das Drama um die adäquate Auswahl der passenden Farbe blieb aus. Ich fühlte mich dauernd in Grenzen, bzw. Linien verwiesen, die ich einzuhalten habe. Begrenzungen und Einschränkungen, dabei soll ich mich doch entspannen, kreativ sein und mich beglückt wohlfühlen. Jetzt und sofort. 

Warum wirkt es bei mir nicht.

 

Es ist halt kein Zeichenkurs. Es ist kontrollierte Schmalspurkreativität, die für manche, (wie es aussieht) sogar viele Menschen funktioniert. Sie fühlen sich bestätigt, kreativ und das größte Risiko besteht im Übertreten der vorgegebenen Linien. Vorkenntnisse, Fähigkeiten, Übung, Talente - nichts ist erforderlich, es geht einfach los und funktioniert. Der schnelle Erfolg ist gegeben. Für jeden und alle. Es ist einfach, problemlos, bequem und man erschafft etwas mit den eigenen Händen. Der Mensch wird zum vermeintlichen Schöpfer. Nun, eher zur Light-Version des Schöpfers inklusive reduzierter Kreativität - und passt damit prima in die Wünsche und Bedürfnisse der Zeit.

Ja, mag der gewiefte Ausmaler nun sagen, Gestaltungstherapie und künstlerische Betätigung sind doch nachgewiesenermaßen erholsam für den Geist, entspannend für den Körper und machen glücklich. Ja, sage ich, aber Kunst machen und Kunst anschauen, so einfach ist es dann doch nicht, da sollte und müsste man differenzieren. Auch Vergleiche mit Mandalas und Buddhismus werden bemüht, hinken aber beträchtlich hinterher. Wobei ich dem Ausmalen eine gewisse psychologische (Aus-)Wirkung nicht einmal absprechen mag und will. Nur, bei mir funktioniert es nicht. 

Was bleibt.

 

Ein neues Malbuch steht gleichbedeutend mit neuen Motiven und neuen Stiften, praktischerweise gibt es Bücher und Stifte als Bündel - und die Händler frohlocken, denn genau das ist der Punkt des Hypes: Es lässt sich Geld verdienen. Eine Menge Geld. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Ich für meinen Teil habe meine vielen Kohle-, Graphit- und Bleistifte in unterschiedlichen Härtegraden und Stärken gefunden. Und die werde ich nutzen. Ohne Vorgaben und Linien. Auf jungfräulich leerem Papier. Es hat doch etwas gebracht, das Experiment Malbücher für Erwachsene, nur nicht wie vorgesehen.

Donnerstag, 24. März 2016

der posamentierer posamentiert posamenterien.

Manchmal entdecke ich in den Online-Ausgaben der Zeitungen und Zeitschriften ein kleines und sehr feines Juwel. Zum Beispiel diesen Artikel, in dem es um alte Berufsbezeichnungen geht. Die haben es nämlich in sich. Obwohl sie tot sind. Vielleicht haben Sie die ein oder andere Bezeichnung einmal gehört, aber wissen dann doch nicht, was das sein soll. 

Haben Sie schon einmal von einem Pocher gehört? Das ist nicht nur der Name des zuweilen nervigen Mannes, der über Ihren Bildschirm hüpft, nein, das war der zuständige Mensch im Pochwerk, wo Gestein zerstampft wurde. Gesellschaftlich angesehen waren weder die Arbeit noch der Pocher. 

Um eine Idee von alten Berufen und den dazugehörigen Tätigkeiten zu bekommen, ja, dazu reicht der kurzweilige Artikel durchaus – und glücklicherweise listet er auch weiterführende Lesetipps. 

Natürlich will ich mehr! Mehr Wissen und das jetzt und sofort! 

Nehmen wir doch den Posamentierer. Das war einmal ein Beruf, der gar nicht so selten vorkam. Ich habe allerdings keinen blassen Schimmer, nicht einmal eine Ahnung, was der Mann gemacht hat. Posamentierer. Hm, sagt mir nichts, aber auch gar nichts. 

Und ist ein Wort, an dem bereits die Rechtschreibprüfung meiner Textverarbeitung scheitert. Gehen Sie ruhig mal auf die Seite des Allzweckmittels, genau, auf www.duden.de und tippen Sie Posamentierer ein. Na, was passiert? Nicht viel und schlauer sind Sie nun auch nicht. Also, schnell auf Posamenterie geklickt, da muss es doch erklärt sein! Ich erfahre, dass es sich bei Posamenterien um Waren handelt und eine Posamenterie ein Geschäft ist, in dem Posamenterien angeboten werden. Hm, nun ja, das habe ich mir anders vorgestellt!

Also, flugs das Internet bemüht und schaumaleinerguck: Unter http://alteberufe.de (und auch http://www.historische-berufe.de) liegt er, der Hort der Informationen, der Quell mannigfaltiger Geschichten und die Möglichkeit, um stundenlang zu stöbern und zu lesen. 

Und da habe ich ihn gefunden, den Posamentierer. Und nicht nur, warum er so hieß und was er den ganzen Tag gemacht hat, nein, ich kenne nun auch die üblichen und gebräuchlichen Bezeichnungen des Posamentierers. Hübsch, nicht?





Und jetzt haben wir Ostern, ein paar Feiertage stehen an, das Wetter soll eher durchwachsen werden und Sie haben eine Menge Zeit, um zu lesen, zu staunen und zu kichern - über alte Berufsbezeichnungen und Tätigkeiten, die es heute gar nicht mehr gibt.

Mittwoch, 24. Februar 2016

zögern, zaudern, socken stricken.

In der Grundschule lernte ich, wie alle Mädchen damals, sticken, stricken, häkeln. Also, ich sollte das lernen, von wollen war nie die Rede, gefragt wurde auch niemand, das macht man halt so. So lautete der Plan, bzw. der meiner Grundschullehrerin, humorvoller Haudegen der alten Garde. 

Die Sache mit dem Sticken, Häkeln und Stricken stand nun also an. Im Handarbeitsunterricht. Frohen Mutes ging es los – und schief. Das Problem, dessen ich mir in keinster Weise bewusst war? Ich war und bin Linkshänderin. Die einzige Linkshänderin weit und breit und vor allem in der Klasse. Gefühlt im kompletten Universum, denn was ich zustande brachte war alles, aber nicht schön und schon gar nicht das, was die anderen hinbekamen oder die Lehrerin wollte. Ich versuchte es. Das Ergebnis? Knoten, viel zu lockere Maschen, unglaublich stramme Maschen, trapezförmige Topflappen, schief umstrickte Kleiderbügel und traurig anmutende Teddybären. 

Meine Lehrerin versuchte es mit stoischem Druck und gnadenloser Härte. Das muss so und das geht so. Mit rechts. Punkt. Es ging nicht. Ich verstand einfach nicht, was mir da vermittelt werden sollte, ich konnte es nicht umsetzen und sie es mir nicht zeigen. Andere hatten Mütter, Tanten, Omas, die es ihnen zeigten konnten, ich war ziemlich allein auf weiter Flur und tanzte aus der Reihe. Ich verstand nichts und irgendwann wollte ich auch nicht mehr. Also, stricken und häkeln. 

Meine Tanten und Omas zuckten mit den Schultern, aber meine Mutter, reichlich brutal umtrainierte Ex-Linkshänderin, war tapfer: Sie, die mit rechts häkeln, sticken und stricken konnte, übte jeden Abend, wie die Abläufe mit der linken Hand zu bewerkstelligen sein könnten. Erst allein, dann mit mir. Und siehe da, ich biss mich durch, ich strickte (halbwegs entzückende) Teddybären, häkelte (weiterhin ziemlich schiefe) Topflappen und bestickte Taschentücher. Mit links. Nicht sonderlich schnell, von außen merkwürdig anzusehen und mit mäßigem Erfolg, aber ich tat es und die Ergebnisse musste sogar meine Grundschullehrerin zähneknirschend akzeptieren. Lob bekamen die anderen, gute Noten auch.

Diese Erfahrungen hingen mir in den Knochen. So sehr, dass ich die nächsten 35 Jahre keine Wolle mehr in die Hand nahm. Nähen, Nähmaschine – alles gut, aber einen Pullover häkeln oder Socken stricken? Niemals! Nicht einmal einen Schal! Schon bei dem Gedanken wurde mir schlecht und brach mir der Angstschweiß aus. 

Bis vor ein oder zwei Jahren. Da wollte ich Wollsocken. Nicht aus Polyester, Polyamid und sonstigen künstlichen Materialien. Ich wollte Wollsocken. Reine Naturwolle. Weich, warm und natürlich. Gibt es nicht, kriegen wir nicht, nehmen Sie doch was da ist, was Sie wollen, will keiner – kurz: Es gibt keine Wollsocken, die mir gefallen. Lediglich Mischgewebe, schreckliche Farben, merkwürdige Muster. 

Und nun? Socken stricken? Mit 5 Nadeln und dann noch Fersen stricken? Das schaffe ich nicht. Das kann ich nicht. Das Kindheitstrauma verfolgte mich. Ich war blockiert, fast schon ein bisschen verzweifelt. Das Vertrauen in meine Fähigkeiten war kaum bis gar nicht vorhanden. Aber ich wollte Wollsocken. Und ich gebe nicht auf. Niemals. Ich kann alles lernen. Oder zumindest versuchen. Das kann doch nicht so schwer sein! Hallo? Ich habe schon ganz andere Sachen gelernt und geschafft! 

Ich suchte, fragte und schaute mich um. Das Internet, eine Quell des Wissens, war mehr als hilfreich. Denn da war er plötzlich, der Weg, wie ich mit einer Rundstricknadel zwei Socken nicht nur gleichzeitig, sondern auch passend und inklusive Ferse stricken konnte. Aus reiner Wolle. 


Auch wenn es vielleicht nur Socken sind, die ich nun stricken kann, beweisen genau diese schlichten, einfachen Wollsocken eines: 

Mach doch einfach. Lauf nicht weg. Lauf drumherum. Nimm Umwege, aber gib nicht auf. Niemals. Such Dir Deinen Weg. Es gibt nämlich nie nur einen. Es gibt Möglichkeiten. Und wenn etwas für mich und zu mir nicht passt, heißt das noch lange nicht, ich bin unfähig oder blöd. Es bedeutet nur, da ist mehr. Und es gibt immer einen Weg. Und es muss nicht immer der sein, den alle nehmen.

Samstag, 2. Januar 2016

2016: ankommen und angekommen.

Foto: Pierino Cerliani

Zehnmal habe ich mitgemacht, mich 10 Jahre lang eingereiht und Weihnachtswünsche verschickt. 2016 feiert wortfeiler nämlich den 10. Geburtstag. Und weil den ewig gleichen Rhythmen, Schemata und Strukturen folgen so gar nicht mein Ding ist, habe ich mit dieser nicht vorhandenen Tradition gebrochen – und keine Weihnachtswünsche und auch keine Silvesterwünsche verschickt. 

Und mal ehrlich: Hat jemand gemerkt, dass zwischen den vielen Karten, Briefen, Mails und Postings kein Wort von mir war? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das macht nichts, denn wirklich relevant, aussagekräftig und ernstgemeint sind die wenigsten der oftmals gutgemeinten Botschaften. Meist handelt es sich eher um einen vorgedruckten, langweiligen oder lapidaren Wink mit dem Strohmast, der vielleicht nicht einmal wahrgenommen, geschweige denn gelesen wird. 

Warum also jetzt? Ich könnte doch einfach die Klappe halten. Vor Weihnachten ist schließlich nach Silvester. Und da muss ich doch nicht noch etwas nachschieben. Doch! Ich will. Wie war das also mit 2015? 

Ich blicke ihm nach. Dem Jahr 2015. Kopfschüttelnd, staunend, empört, überrascht, allerdings mit wenig Wehmut, dafür mit ein bisschen zuversichtlicher Hoffnung auf Wertschätzung. Der eigenen und der für andere. Damit die, die ankommen, sich angekommen fühlen dürfen und die, die meinen, sie sind längst angekommen, auch wirklich ankommen. Klingt kompliziert? Ist es nicht, aber komplex. 

Die Umfragen und Meldungen hauen es uns nämlich immer wieder um die Ohren: Angst geht um. Ängste machen sich breit. Terrorwarnungen und -anschläge, Völkerwanderungen, Flüchtlingsströme und Wirtschaftsbetrug – auf nichts ist mehr Verlass und zu viele Menschen sehen sich in einer nicht mehr vorhersehbaren Welt, in der die eigene kleine Komfortzone vermeintlich bedroht und instabil wirkt. Wirklich? Denn: Die Kaufkraft steigt, die Löhne auch, die Lebenshaltungskosten steigen kaum und der Konsum läuft unverdrossen weiter. Warum also so viel Angst? Weil Angst Veränderungen bedeutet und wir uns lieber ausruhen und auf hohem Niveau jammern? Weil Ungewissheit bedrohlich ist und mögliche Enttäuschungen unschön sind? 

Angst kann doch auch ein Motor sein, eine Chance auf Entwicklungen, eine Erweiterung des Horizonts und nicht zuletzt Wertschätzung. Machen wir unsere Welt nicht kleiner als sie in Wirklichkeit ist? Und sind wir nicht ein bisschen spät dran, um Angst zu haben? 

Denn eigentlich baden wir nur die Folgen unseres eigenen Handelns und Tuns aus. Die Globalisierung läuft doch seit Jahrhunderten und wir sind es gewohnt, alles zu haben und zu bekommen – und das möglichst billig, günstig und preiswert. Und wir schauen nicht dahinter. Dorthin, wo die Rohstoffe, die wir freimütig verjubeln, herkommen. Auch nicht dahin, wo Menschen für uns schuften, damit wir es einfach und bequem haben. Und fragen wir uns, was billige Rohstoffe, Kleidung, Lebensmittel, Produkte und Reisen bedeuten? Sie sind billig für uns und haben dennoch keinen Wert. 

Uns geht es nicht gut? Oder nicht gut genug? Aber anderen geht es besser oder schlicht zu gut im Vergleich zu uns. Wirklich? Oder kriegen wir den Hals einfach nicht voll und gönnen anderen nicht das Schwarze unter den Nägeln? Wenn wir es nicht machen, macht es nachher noch ein anderer und die anderen machen es doch auch? Wer sind wir, dass wir uns einen Euro oder zwei entgehen lassen! Und die Moralkeule ist doch auch peinlich. 

Haben wir wirklich Probleme, Sorgen und Nöte oder verursachen wir sie nicht selbst. Und das seit Jahrhunderten. Damit es für uns noch ein wenig bequemer und billiger ist. Und wir vergessen, wir sind mittendrin. In der vernetzten, globalisierten Welt, in der weltweit gehandelt, fröhlich Waren hin- und hergeschoben werden. Von Waffen und Öl möchte ich erst gar nicht anfangen. Von Religionen auch nicht. 

Und die Welt klopft dann halt auch mal die Tür. Irgendwann können wir sie nicht mehr ignorieren. Und auch nicht die Folgen und Ursachen, die wir verdrängen möchten und erinnern uns an vermeintliche Werte und Tugenden, die nie welche waren und gar keine sind – wir schüren unsere eigenen Ängste. 

Und wir vergessen etwas: Entschuldigung, wir waren das. Wir machen das, wir machen mit und sind mittendrin. Weil Globalisierung nicht nur Waren betrifft, sondern immer auch Menschen. Wir sind die, die auf der richtigen Seite der Weltkugel hocken, reiben uns die Bäuche und fragen uns, wie es uns noch ein wenig besser gehen kann. Die anderen hatten und haben einfach Pech und sollen dort bleiben, wo wir sie nicht sehen. Und wenn sie schon hier bei uns sein müssen, sollen sie wenigstens nicht auffallen, sondern schön konform mitmachen.

Und wie kann 2016 sein? 

Wir sollten nie aufhören, es zu versuchen. Und Chancen erkennen. Und aus Bequemlichkeit nicht jede Abkürzung nehmen, die sich bietet und nicht auf blanke Polemik und oberflächliches Geplänkel reinfallen. Und nicht dauernd Fehler und Schuld bei anderen suchen. Und uns nicht klein denken und unsere kleine gedankliche Insel einfach verlassen. Denn Welt und Wirklichkeit werden nicht weniger furchteinflößend, wenn wir sie uns schön denken und reden und Tatsachen ausblenden. 

Wir sollten endlich ankommen. In der realen Welt. Dann wird das was mit dem neuen Jahr. Ohne Angst, mit Wertschätzung und dem Bewusstsein, wir sind alle ein Teil der Welt und mittendrin. 

Dienstag, 8. Dezember 2015

konsumverweigerung.

"Guten Tag, ich rufe von XYZ an. Sie haben vor einiger Zeit etwas bei uns bestellt, daher ..."

"Entschuldigung, es kommt nicht wieder vor."

"Haha, wie meinen Sie das jetzt?"

"Nun, ich habe zwei Kleidungsstücke bei Ihnen bestellt. Als Herstellungsländer werden auf den eingenähten Zettelchen China, Sri Lanka oder Bangladesch genannt. Da die Produktionsbedingungen wahrscheinlich nicht sehr nett sind, sehe ich von weiteren Bestellungen ab. Ich werde nichts mehr bei Ihnen bestellen. Oder können Sie mir etwas zu den Herstellungsbedingungen Ihrer Produkte sagen."

"Öhm, nein, dazu kann ich nichts sagen."

"Warum rufen Sie eigentlich an? Was kann ich für Sie tun?"

"Ähm, nichts. Das hat sich dann erledigt."

Mittwoch, 8. Juli 2015

musse schlackern. abba ordentlich.

Ich sammele sie immer separat in einer Wäschebox und alle paar Wochen sind sie dran, die Handtücher. Handtücher sind nämlich eine Wissenschaft für sich. Also, nicht das Handtuch an sich, aber der Umgang mit selbigen. Nee, auch nicht beim Abtrocknen, sondern beim Waschen. Eigentlich beim Waschen, Aufhängen und Abnehmen, Zusammenlegen und Wegpacken der Handtücher.

Das sage nicht ich, das trichterte mir Omma ein: Dat is nemmich sone Sache.

Dat mit dem Waschen geht ja noch. Da kannze an sich nicht so viel bei falsch machen, begann sie ihren Lehrgang. Bunte Hantücha aufn Haufen un weiße aufn andern. Wenn die nich mehr so schön sin, dann musse die bleichn, dann gehn die wieda. Schön heiß waschn, unter 60 °C geht da nix. Auch die buntn, die können dat ab. Wennse wat taugn. Bei Hantücha tusse bessa nich sparn, dat rächt sich nemmich späta. Un nich son billges Waschpulva nehm, lech wat an. Ich nehm Ariel, Persil geht vielleich au, abba nich vom Aldi, dat taucht nix. 

Dann gehtet abba ers los mitti Maloche, warnte Omma an dieser Stelle, am besten is, wennze die gewaschenen Hantücha nach draußn hängs. So richtig in Garten. Auffe Leine oda schön ordentlich anne Spinne. Damit die flattern können. Dann sind die fix trockn, riechn gut un behalt ihre Form. Die können auch bissken nass werdn und so richtich knackign Frost, der macht die Dinga schön muckelich.

Nun wurde es persönlich, an dieser Stelle setzte Omma immer demonstrativ den Zeigefinger vor meine Nase: Un nie vergessn! Hantücha musse schlackern!! Imma!!! Abba ordntlich!!!! Volle Pulle, bisse dat inne Arme merks. Vorm und nachm Aufhängn. Hörsse? Wennze dat nemmich nich machs, dann reibs Dir naher die Fott wund. Un dat is nich schön, dat kannze ner alten Frau glaubn. Also: Nasset Hantuch ausm Korb nehm, so richtich ausse Arme raus schlackern un ers dann aufhängn! Dat Schlackern gibt son Geräusch. Wennze dat nich hören tus, dann hasse nich richtich geschlackert und die Hantücha hängn rum wie welken Sallat. Un beim Abnehm wieda schlackern un dann zusammlegn. Auf Kante. So richtich akkerat.

Bügeln? Ach wat, wennze Handtücha ordentlich schlackern tus, dann brauchsse nix bügeln. Wirs sehn, wie schön dat in Dein Schrank aussehn tut. Un sach dat dem Oppa nich, abba ich tu ja imma noch Spritza Kölnisch Wasser oder Tosca bei. Dat riech ich so gerne. 

Bei uns im Handtuchfach sieht es nicht aus wie in Omma ihrn Schrank. Wahrscheinlich fehlt doch Kölnisch Wasser. Oder Tosca. Oder mein Schweizer Ehegespons weiß nicht, wie man Handtücher richtig schlackert.

Und jetzt entschuldigt mich, ich muss zum Lehrgang. Damit der Mann das mit dem Schlackern endlich mal hinkriegt.

Omma würde mir das niemals durchgehen lassen.

PS: Omma gab sich natürlich nicht mit dem Schlackern von Handtüchern zufrieden. Keine halben Sachen, alles, jedes einzelne Stück und Teil Wäsche, das aus der Waschmaschine kommt, muss geschlackert werden, aufgehängt, abgenommen und noch einmal geschlackert werden. Aber ordentlich.