Montag, 20. November 2017

so geht das | wollsuche und maschen zum glück.

Wer mich kennt, weiß, ich bin umtriebig und holistisch. Oder andersrum: Ich bin vielseitig und nachhaltig. Das gilt beruflich und privat. Und für Kleidung, die nur an meinen Körper und in meinen Schrank kommt, wenn sie nicht aus Polyester, Mikrofaser und Plastik besteht. Also stricke ich; zum Beispiel Socken und Strümpfe. 

Foto: pixabay
Gerne würde ich einen Pullover für den weltwunderbesten Mann stricken. Natürlich aus reiner Wolle, von der ich weiß, woher sie kommt, wie sie gefärbt wird und wer sie verarbeitet. 

Wenn diese Hürden genommen sind – was durchaus nicht so einfach ist, wie es scheint – wird es nicht unbedingt leichter, schließlich stellt mein Mann berechtigte Wünsche an seinen Pulli: Die Wolle soll nicht mit Zusätzen versetzt, dick, kratzig und einfarbig schwarz oder anthrazit sein. 

Freitag, 3. November 2017

etymologie | huhau und hottehü. von französischen pferden und deutschen fuhrmännern.

Foto: pixabay
In einer lauen Sommernacht des Jahres 1815 bereitet der französische Maître Marie-Antoine Carême in der Küche eines feudalen Hauses in Paris einige seiner berühmten Delikatessen zu. Napoleon Bonapartes Niederlage bei Waterloo liegt 3 Wochen zurück, der selbstgekrönte Kaiser ist längst auf die Insel Elba verbannt, das Volk ist unruhig und zieht wütend durch die Straßen der französischen Hauptstadt. Das Wetter - es ist schwül, die Luft schwer - taugt nicht, um den Mob zu besänftigen. 

Carême ist für einige Wochen in den (ehemaligen) Pariser Palast Napoleons zurückgekehrt und kocht ein exquisites Menü für zwei Personen: Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand, der gerade die Bourbonen auf den Wiener Kongress vertreten und dabei geschickt günstige Bedingungen für Frankreich ausgehandelt hat, und Polizeiminister Joseph Fouché. Diese beiden hatten die Geschicke des Landes seit der Revolution in der Hand und wollen heute über die Zukunft der Nation entscheiden. Die Frage lautet: Monarchie oder Rückkehr Napoleons? 

Die Diener stecken noch in den Vorbereitungen für das Treffen, während sich Fouchés Kutsche ihren Weg durch aufgeregte Menschenansammlungen bahnt. Fouché denkt opportunistisch: Während er auf der einen Seite eine mögliche Rückkehr Napoleons plant, kommt er gerade aus Gent, wo er mit Ludwig XVIII. und Metternich konspirierte, falls die Rückkehr Napoleons nicht glücken würde oder nicht von langer Dauer wäre. Unruhe herrscht im Volk, mit Fackeln und Stöcken bewaffnet streifen sie durch die Straßen und Gassen, immer auf der Suche nach einem Verantwortlichen. Die Kutsche holpert über das grobe Kopfsteinpflaster, der Kutscher treibt seine Pferde durch die marodierenden Massen und intoniert energisch Üüü Üüü! 

Welch Pathos! Die dramatische Situation ist hin! Die aufgeladene Atmosphäre verpufft! Ich schaue erstaunt auf – und lache. Der spannende Filmanfang, den ich eben beschrieben habe, wandelt sich für mich in ausuferndes Kichern. Natürlich klingt es nur so, die französische Sprache schreibt Hue und nicht Üüü.

Warum rufen Franzosen ihren Pferden Hü zu? Auf zur Suche! 

Mittwoch, 25. Oktober 2017

aufmupf | edgy werbung als altersfrage.

Ich bin 47 Jahre alt. Daran ist nichts zu rütteln. Macht ja auch nichts. Niemand fühlt sich bemüßigt, mir über die Straße zu helfen. Ich muss nachts nicht jede Stunde aufs Örtchen. Alles funktioniert, der Verfall ist körperlich und optisch gnädig, lediglich mein Gehirn funktioniert besser als vor 20 Jahren. Es ist schneller, weitreichender – und nicht mehr so naiv. 

Immerhin naiv genug, um mich bei einer regionalen Agentur als freie, edgy Texterin und Lektorin zu bewerben. Vorweg: Ich habe die regelmäßige Zusammenarbeit nicht bekommen. Ich landete in der Datenbank, falls die Hütte mal wieder brennt. Begründung: Ich passe nicht in die Altersstruktur der Agentur.

Foto: pixabay
Werbeagenturen – ab 35 ist der Lack ab. 

In den meisten deutschen Agenturen arbeitet niemand, der älter als 40 ist. Vielleicht noch die Chefin, der Chef oder der geschäftsführende Mensch, der muss schließlich Wissen, Erfahrung und Kompetenz ausstrahlen. Für die Kunden. Die sollen zahlen und denken, ich bin in guten Händen. 

Aber die Angestellten sind meist sehr viel jünger. Menschen zwischen 20 und 35 geben sich der Illusion hin, Werbung sei eine krasse, coole Sache. Gut, sie schieben unbezahlte Überstunden und Wochenendarbeit, lassen sich schlecht bezahlen und ausnutzen, aber he, Werbung! Wow! Whoop, whoop! 

Werbeagenturen sind jung und werfen mit Titeln um sich. Titelwahnsinn nennt sich das, und wer mit 35 noch keine leitende Position mit verheißungsvollem Titel erreicht hat, wird mitleidig angelächelt und mitgeschleppt, der alte Sack. Dazwischen lockt vielleicht ein vernünftiges Einkommen, aber wenn die 35 naht oder überschritten ist, also mit 40, spätestens 45 sind Frau und Mann zu alt für die Werbebranche. Dann sind sie weg. Gehen oder werden gegangen. Passiert, wird uns eingeredet oder reden sich die heimischen Konsumanheizer selbst ein. Wer damit angefangen hat, weiß ich nicht. Jung, hip, edgy– so sind wir, so sind Werber. Yeah! 

Alter als Zustand. 

Warum, frage ich Sie und mich. Ist ein handelsüblicher Mensch ab einem gewissen Alter untauglich und hat keine Ideen mehr? Geht im Laufe der Jahre die Fähigkeit verloren, die jemand benötigt, um edgy Texte zu verfassen? Ist die Festplatte leer und der Speicher über Nacht gelöscht? Ist mein Sprachzentrum kaputt oder meine Finger arthritisch? Und was ist dann mit 60, 70 oder noch später? Horrorszenarien! 

In den Stellenanzeigen und Ausschreibungen werde ich mit „Du“ angesprochen, denke mir nichts dabei, finde das völlig normal, vergesse aber, dass mein Agenturgegenüber wahrscheinlich 31 und gerade Senior geworden ist. Für die bin ich mit 47 möglicherweise uralt und habe keine Ahnung, was in der Welt so los ist. Pustekuchen! Lebe ich in Isolationshaft? Vegetiere ich erbarmungswürdig vor mich hin? Oder fehlt ihnen schlicht Kompetenz, um mit erfahrenen Mitarbeitern, die sich wenig vormachen lassen, sich dafür auskennen, umzugehen? 

Belege, Statistiken und Antworten für dieses Ab-45-Diskriminieren existieren nicht, aber jeder weiß und erlebt es – und kennt die Vorurteile: Man munkelt über veraltete Kenntnisse und überholte Sprache. Stimmt, wahrscheinlich kenne ich den Duden noch in Papierform und auf Facebook organisiere ich sentimentale 80er-Jahre-Partys oder Klassentreffen. Zu teuer sind sie auch, weil sich Menschen über 40 nicht mehr mit ein paar Euro abspeisen lassen. Logisch, dass sie zu kritisch sind und meckern, also furchtbar anstrengend sind, sie schauen sich das Ganze ja schon eine Weile an. Zu unflexibel und zu oft krank sollen sie sein, zu einem Bewerbungsgespräch kommt es daher oft schon nicht. Und falls doch ein Job dabei rauskommt, folgen die Abstriche: Schlechtere Bezahlung, lange Anfahrt und viele Überstunden. 

Überall Vorurteile. 

Wie kommt man auf die Idee, ein Mensch wäre mit 25 per se hip, wisse mehr und schmeiße mit originellen Ideen nur so um sich? Weil sie sich mutig trauen auch unkonventionelle Ideen zu äußern? Also bitte, das ist keine Altersfrage, im Gegenteil, ich bin viel entspannter und stehe nicht unter Leistungsdruck – das macht mutig! Ich bin mir sehr sicher, dass mein Wortschatz sehr viel größer ist, ich aus dem Stegreif 10 Ideen für Headlines habe, ein fundiertes Konzept, einen Textentwurf, der es in sich hat, sehr viel besser und schneller hinkriege. Und passend zur Zielgruppe arbeite ich auch noch und kann das Ganze erklären, begründen und variieren. 

Warum?

Freitag, 20. Oktober 2017

schlicht falsch | hanebüchen: keine hecke macht kikeriki.

Es kommt nicht oft vor, wird aber mit großer Wahrscheinlichkeit falsch geschrieben – das Adjektiv hanebüchen. Meist wird es mit h geschrieben und gerne auch hahnebüchern, also mit r. Beides ist falsch, denn hanebüchen hat nichts mit Federvieh, und auch nichts mit bedrucktem Papier zu tun. 

Verwendung 

Es gibt hanebüchenen Unsinn, hanebüchene Lügen, jemand mag zu hanebüchener Unverfrorenheit neigen und etwas kann hanebüchen sein. 

Bedeutung und Synonyme 

Hanebüchen steht für unerhört, absurd, empörend, unmöglich, unglaublich, skandalös, bodenlos, ungeheuerlich, unmöglich, haarsträubend, himmelschreiend und haarsträubend. Im übertragenen Sinne bedeutet hanebüchen derb, grob und knorrig. 


Foto: pixabay
Herkunft 

Die übertragenen Bedeutungen von hanebüchen können wörtlich genommen werden, stammt das Wort doch von einem Baum, der Hainbuche, die wiederum aus Hagebuchenholz besteht. 

Die Hage- oder Hainbuche verfügt über einen recht glatten, seilartig gedrehten Stamm, was ihm ein knorriges Aussehen verleiht. Das Holz gilt als besonders hart und widerstandsfähig. Eine Hainbuche ist keine Buche, sondern ein Birkengewächs und nicht mit der uns bekannten echten Buche, der Rotbuche, verwandt. 

Hanebüchen stammt von einer älteren Form, dem Adjektiv hagebüchen, das wiederum von dem mittelhochdeutschen Wort hagen-büechîn (vom Holz der hagenbuoche (hainbuche, weissbuche)) kommt. 

Exkurs 

Im Wörterbuch der Brüder Grimm, das Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen wurde, gibt es hanebüchen nicht. Im Duden übrigens erst seit 1929. 

Die Grimms notieren hainbüchen, haimbüchen, hagenbüchen und heimbüchen, ergo hat sich im 19./20. Jahrhundert etwas verändert, sonst wären wir sprachlich nicht bei hanebüchen gelandet. 

Hagen-dorn oder Hage-dorn steht im Mittelhochdeutschen für den Namen des Teufels. 

Das Substantiv Hagestolz, der kauzige Junggeselle, beschreibt ursprünglich den Hagbesitzer, also den Besitzer eines mit Hagebuche umfriedeten Nebengutes. Hagestolz ist mit hanebüchen verwandt. 

Was dem Deutschen der Hain, also die poetische Umschreibung eines Gehölzes oder Wäldchens, ist dem Deutschschweizer der Hag, was kein Kaffee, sondern mittelhochdeutsch hac (Dorngesträuch, Gebüsch; Gehege, Einfriedung) und althochdeutsch hag (Einhegung, (von einem Wall umgebene) Stadt, ursprünglich Flechtwerk, Zaun) ist. Wie öfter der Zusatz: Schweiz, sonst veraltet.