Montag, 21. Januar 2013

etymologische fundstücke: wichsen

Diskussionen überall - sollen und dürfen Kinderbücher umgeschrieben werden? Jein, finde ich, jedenfalls nicht ohne Erklärungen oder Erläuterungen, schließlich bringt es nicht viel, wenn ich Wörter schlichtweg unterschlage, ihre Existenz ignoriere, errötend kichere oder noch schlimmer "Das tut man nicht!" als Erklärung abgebe. Schon gar nicht, wenn ich Wörter auf eine Bedeutung reduziere und ihre Etymologie vernachlässige.

Ja, in dem Buch "Die kleine Hexe" von Otfried Preußler tauchen uns antiquiert erscheinende Wörter auf, die eine Bedeutungsänderung durchlaufen haben - na und? Haben sie nun keine Berechtigung mehr, nur weil sie nicht mehr zeitgemäß sind? 

Dann müsste ich den weltbesten Mann mit seinem verqueren, eindeutig mittelhochdeutsch geprägten Schweizer Merkwürdigdeutsch ebenfalls sofort verlassen und die komplette Schweiz sowie große Teile Deutschlands der Sprachzensur unterwerfen. Veränderungen der Sprache sind für mich gang und gäbe, und warum kann man Kindern nicht erklären, was wichsen eigentlich ist? Gut, ich bin keine Pädagogin und auch keine Psychologin, ich bin nicht einmal eine Mutter, aber ich mag unsere alten Wörter.

Ein sehr schönes Beispiel ist das Wort wichsen. Huch, werden nun einige von Euch sagen oder denken, das bedeutet doch onanieren und darüber redet man nicht. Doch, tut man, und man geht noch einen Schritt weiter und bemerkt, dass dieses deutsche Verb seit dem 15. Jahrhundert belegt ist. Es ist Mundart und ich kenne aus einem frühkindlichen, völlig unverfänglichen Zusammenhang, nämlich von meinem Opa, der mir mit hochtrabenden Worten den bedeutungsvollen Vorgang des Schuheputzens erklärte. Das begann mit der Schuhwichse, pardon, der Schuhcreme und endete damit, dass man die Schuhe ordentlich wichsen muss, damit sie wetterbeständig und langlebig sind. Und genau das bedeutet wichsen ursprünglich: mit Wachs bestreichen, wächsen, blank machen oder putzen. 

Erst viel später, nämlich im 18. Jahrhundert folgt die zweite Bedeutung - wichsen steht nun umgangssprachlich für prügeln, was allerdings im Ruhrdeutschen eher unter wemmsen oder wemsen läuft. Allerdings steht wemmsen/wemsen hier vor Ort auch für die dritte Bedeutung des Wörtleins wichsen, nämlich onanieren, also umgangssprachlich für die, meist männliche, Selbstbefriedigung. Diese Deutung existiert aber erst seit dem 19., bzw. 20. Jahrhundert und ehrlich gesagt, ich wichse heute noch mit Hingabe Lederschuhe ganz so, wie es mir mein Opa, dessen Vater Schuhmacher war, ausführlich und liebevoll beigebracht hat. Und Hercule Poirot wird sich für mich auf ewige Zeiten dem Ritual des Bartwichsens widmen.

Kommentare:

Sigrid Strohschneider-Laue hat gesagt…

erinnert mich auch an die Gesetze Haltung von Wach- und Hütehunden am Bauernhof: "... der Hund muss geprügelt werden ...".
Das bedeutet, dass den Hofhund ein großer "Prügel" umgehängt wird, damit er nicht über Zäune springen und streunend auf Jagd gehen kann. Von "prügeln" im Sinne von "schlagen" ist da nicht die Rede. Wortschatz ist nur eine von vielen Grundlagen, die zur Kulturkompetenz beitragen.

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

Ja, Sigrid, aber wer weiß das schon oder will es wissen?

Und besonders wertvoll und klasse finde ich Deinen letzten Satz!!

Francisco Kuhlmann hat gesagt…

Schön finde ich "wixxen" für den angenehmeren Zeitvertreib (angenehmer als das mit den "Prügel" jedenfalls). Vielleicht erbarmt sich der Duden?

Bettina hat gesagt…

o ja, diese Bedeutung von Wichsen kenne ich auch (bei uns früher übrigens auch bei der Parkett-Pflege gebräuchlich), erinnert mich ein bisschen an den Wäsche-Puff, den es bei meinen Schwiegereltern gab.