Montag, 10. Oktober 2011

etymologische fundstücke: gully.

Man denkt doch nie drüber nach. Zum Beispiel, warum sich der Gully nicht Gulli schreibt und warum er überhaupt Gully heißt?

Die korrekte Rechtschreibung hat Herr Korrekturen.de hier erläutert:


Im Englischen ist ein Gully viel mehr als unser Gully, nämlich nicht nur ein Abzugskanal und ein Einlaufschacht, sondern auch eine enge Schlucht, ein Senkloch, ein Straßenablauf, eine Erosionsrinne, eine schlichte Rinne, ein Schlammfang, eine Saugrinne, ein Schleusenschacht, ein Sinkkasten, ein Schmutzfang, ein Saugwagen, eine Grabeneorsion, eine Wasserfurche - und für alle Leser in der Schweiz, in Süddeutschland und in Österreich auch eine Runse.

Zeit zu schauen, woher das Wort Gully überhaupt kommt:

Unser Gully ist ein noch recht junges Lehnwort aus der englischen Sprache. Eigentlich bedeutet es Rinne - ein weitreichender Begriff, der über unsere Bezeichnung Gully hinausgeht. Es stammt wahrscheinlich von dem altfranzösischen Wort goule/gole, dessen Verkleinerungsform gullet ist und Schlund bedeutet. Der französische Schlund geht zurück auf die lateinische Kehle bzw. die Speiseröhre, nämlich das Wort gula. Gueule - also recht ähnlich - ist das französische Wort für Kehle.

Kehle, verwandt mit dem Kiel, ist ein altes westgermanisches Wort und bedeutet verschlingen, verzehren und auch fressen. Im Mittelalter kannte man noch das Wort kehlen, was so viel wie rinnenartig aushöhlen, aber auch einen Fisch ausnehmen bezeichnet. Wir kennen heute noch das Verb auskehlen. Der Gully verzehrt gnadenlos alles, was ihm vor die Nase kommt, daher passt die Bezeichnung.

Unser Wort Gully hätte gar nicht den Umweg über Italien, Frankreich und England nehmen müssen, sondern gleich zu Hause bleiben und Kehle heißen können.

wortfeilchen

Kommentare:

Susanne Peyronnet hat gesagt…

Was für ein interessanter Artikel. Jetzt ist mir klar geworden, wie dieses seltsame Wort, dass wir in Zeiten von starkem Regen und häufigen Überschwemmungen immer öfter schreiben, herkommt. Das habe ich mich oft gefragt, und als Frankophile gefällt mir die Verbindung zu geule am besten. Dank des Artikels muss ich nun auch nie wieder darüber nachdenken, ob Gully oder Gulli richtig ist.

Stephanus hat gesagt…

Nachzutragen...?

In der englischen Wikipedia eine wunderschöne Seite, zu den Ab-, Zu und Verläufen aller Wässer:
http://en.wikipedia.org/wiki/Gully

Der erste deutsche, deutliche literarische Hinweis findet sich in Vicky Baums Roman „Menschen im Hotel“. 1929:
„Plötzlich kriegt er Sehnsucht nach Pferden, steht um sechs Uhr früh auf, fährt mit dem Autobus zum Tattersall, schnuppert glückselig die Luft voll Sägespänen, Sattelzeug, Pferdemist und Schweiß, schließt Freundschaft mit einem Gaul, reitet in den Tiergarten, frißt sich satt an dem grauen Frühnebel über den Märzbäumen und kehrt besänftigt ins Hotel zurück. Man hat ihn schon im Wirtschaftshof hinter der Servicetreppe getroffen, wie er dort stand neben einem Gully voll Spülicht und Abfällen und die fünf Stockwerke hinaufstarrte, bis dahin, wo die Antenne unter dem ungefärbten Himmel hängt. Vielleicht wären ihm Absichten auf das einzige hübsche, unmoralische und auch schon gekündigte Stubenmädchen des Hotels zuzutrauen.“ („Menschen im Hotel“. Berlin 1929. S. 95)

Übrigens: "Menschen im Hotel. Kolportageroman mit Hintergründen" hieß der Roman von Vicki Baum aus den noch glanzvollen Zeiten der Weimarer Republik, 1929. Dieser ironische Untertitel wurde in den Nachkriegsausgaben weggelassen. Deutsche Leserinnen (Buchhändleer wissen: kaum Leser) wollten in den hauptsächlichen Lesering-Bestseelen-Sellertum nicht gestört werden beim Verehren, pardon: ...- oder: vorlesen.

Hier der Wiki-Nachweis ihres rührseligen Ruhms:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Gedenktafel_Vicki_Baum.jpg&filetimestamp=20080317161901


Er aber weiß schon anderes aus seiner Umwelt, in der seine Familie und die gesamte jüdische Ethnie, nicht nur in Berlin, verrecken sollte, er, der sozial- und historisch-kritische Lion Feuchtwanger:
Er weiß, woher die giftigen, lebensgefährlichen Abgase, die Dämpfe von Fabriken, in die Kanalisation geleitet werden:

„Der Heizer Hornauer drosselte den Dampf ab, rannte auf den Hof. Aus dem Gully zog man einen Arbeiter. Der Mann hatte das Loch reinigen sollen; als er einige Meter hinabgestiegen war, kam der Schwall der glühenden Dämpfe über ihn.“ (L. Feuchtwanger: Erfolg, Berlin: Kiepenheuer 1930. S. 113)