Dienstag, 9. Mai 2017

etymologisches mit ruhrdeutschem und helvetischem einschlag: betrügerisches kamuff und kamelartiges kamuffel.

Sie wissen, als Ruhrgebietseingeborene teile ich Heim und Herd mit einem Deutschschweizer. Ich lebe also quasi in einer multikulturellen Ehe. Sie wundern sich vielleicht, aber glauben Sie mir, die sprachlichen und kulturellen Unterschiede sind ausgeprägt vorhanden. Glücklicherweise kennen wir das im Ruhrpott nicht anders, keiner von uns kommt ursprünglich von hier weg, und selbst ein indigener Zürcher hat hier Platz und seine Berechtigung. 

Warum ich darauf hinweise? Nun, im Alltag ergeben sich für eine Germanistin mit Vorliebe für Linguistik erforschenswerte und aufregende Zufälle. Dieses Mal kennt er Kamuff, während ich Kamuffel kenne. 

Kamuff und Kamuffel – die Bedeutung 

Während das Schweizer Kamuff einen dummen, spaßigen Kerl oder Dummkopf bezeichnet, sieht es mit meinem Kamuffel einen Hauch anders aus: Das Kamuffel ist ein träges, bequemes, nicht unbedingt helles, aber recht harmloses Geschöpf. Kamuffel ist eher liebevoll denn grob beleidigend gemeint und wird meist zu männlichen Exemplaren der Gattung Mensch gesagt. Haben Sie schon einmal eine Frau Kamuffel genannt? 

Im Ruhrdeutschen neigt das Kamuffel, wie das Kamel, zum Neutrum, in den Deutschschweizer Dialekten ebenfalls (was etwas ungewöhnlich ist, das Alemannische grüßt zumeist deutlich). Plural und Singular unterscheiden sich nicht, ein Kamuffel oder fünf Kamuffel, es tut sich nichts. Klar, so ein Kamuffel ist von Natur aus nicht gerade sehr bewegungsfreudig. 

Foto: Daniela Castro, 

Kamel oder Halunke – der Ursprung 

Im Unterschied zum Kamuff hat es das Kamuffel in den Duden geschafft, wo seine Herkunft dem Italienischen zugeordnet wird: Kamuff ist älter als Kamuffel, quasi ein Vorgänger, bedeutet Halunke oder Schuft und kommt von dem italienischen Wort camuffo, was so viel wie Betrüger oder Halunke bedeutet und eine Substantivierung oder Ableitung zu dem italienischen Verb camuffare, also betrügen oder täuschen, ist. 

Nach Brockhaus Wahrig, der nicht online zu finden ist, soll es schlicht eine versteckte Weiterleitung von Kamel sein. 

Küpper und Pons gehen einen Schritt weiter und finden, Kamuffel ist eine Verschmelzung aus Kamel und Muffel, wobei der Muffel laut Duden ein verdrießlicher, unfreundlicher Mensch ist. Das passende Verb muffeln, was so viel wie mürrisch, knurrig, etwas schlecht gelaunt bedeutet, hat seine Ursprung im mittelhochdeutschen Wort muffen oder mupfen, was den Mund verziehen bedeutet. Küpper und Wahrig datieren die Wortschöpfung Kamuffel übrigens auf 1800. 

Das DWDS findet, Kamuffel ist hebräischen Ursprungs. 

 

Das Schweizer Idiotikon weist auf den italienischen Ursprung von camuffo hin und meint, Kamuff sei ein Synonym oder eine Analogie auf das Kamel. Spannend sind die verschiedenen Ausformungen des Kamuff im Schweizerischen, die von Camúff, Kamüff, Kamóff, Ka(r)mufti, Kamuffer, Camüffer und Kamüffer bis zu Chumüff und Kanuff reichen. 


Kamuff und Kamuffel – was denn nun? 

Wenn Sie mich fragen, halte ich die Verbindung zum Kamel für wahrscheinlich. Allein deshalb, weil das italienische Verb camuffare (blenden) und das französische Verb camouflage (tarnen, vertuschen, verschleiern) für mich ebenso wenig passen, wie die Deutung über Betrüger, Schuft oder Halunke. Dafür sind das Schweizer Kamuff und das deutsche Kamuffel als träge Doofköppe doch eher nicht in der Lage. Das vielleicht vermeintlich gemütliche, etwas dumm anmutende Kamel passt da schon besser.

Foto:
Kawtar CHERKAOUI,

PS: Falls Sie von mir in nächster Zeit öfter das Verb camouflieren (bildungssprachlich tarnen, verbergen) hören, lassen Sie mir die Freude, es klingt so schön.

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