Dienstag, 29. März 2011

leistung für lau. oder seltenes aus dem alltag einer werbetexterin.

Es kommt selten vor, aber es kommt vor: Eine Geschichte, wie ich sie letzte Woche erlebt habe:

Über eine Business-Plattform im Internet kam er. Und angeblich über eine Freundin, was nicht bewiesen ist. Er, ein Coach, wurde mein Kontakt - und schickte mir zwei Tage später eine recht formlose und unfreundliche E-Mail (ohne Signatur) mit einem sehr langem Text. Dabei handelte es sich um einen Werbetext, der natürlich für ihn werben soll. Ich solle den Text doch mal lesen, schauen, wie er auf mich wirkt und ob ich ihn verstehe. Ich überflog den Text, schüttelte mit dem Kopf und widmete mich meinem reichlich vollen Schreibtisch.

Weitere zwei Tage später klingelte das Telefon, eine männliche Stimme teilte mir recht barsch einen Namen mit und fragte, ob ich seine Mail bekommen habe. Kein guter Einstieg - und besonders freundlich auch nicht. Ich entschuldigte mich und teilte ihm mit, dass ich krank sei und unbedingt wieder ins Bett müsse, wir könnten demnächst gerne mal reden.

Das interessierte den Herrn Berater kaum, er kam gleich zu seinem Text, der - seiner Ansicht nach - die Welt verändert. Ich erklärte ihm kurz und sehr höflich, dass ich ganz viele Rechtschreibfehler gefunden habe, eine Formatierung sowie Überschriften nicht vorhanden seien, der Text zu lang und unübersichtlich sei - kurz, die Lesefreundlichkeit ist nicht gegegeben, aber über den Inhalt könne ich wenig sagen.

Seine Antwort? Er polterte ungehalten los: Sein Rechtschreibprogramm findet ALLE Rechtschreibfehler, das könne schon mal gar nicht sein. Na, aber sicher, aber warum weiß die Rechtschreibprüfung dann nicht, dass man Anlass mit ss schreibt? Und warum versagt sie bei den Feinheiten und kann nicht zwischen effektiv und effizient unterscheiden? Es schien, als wolle er meine Meinung nicht hören, sondern schlicht bestätigt haben, wie toll er schreibe und wie wunderbar sein Text sei.

Es ging aber weiter: Um mein Können zu zeigen, wäre es doch angebracht, dass ich den Text einfach mal eben kostenlos überarbeite, so seine nächste Aussage. Nein, lautete meine freundliche, aber bestimmte Antwort, ich arbeite nicht kostenlos, auch nicht zur Probe. Werbetexte kosten Geld - und ich nannte meine Preise. 

Ob er denn mal meine Webseite gesehen hätte oder mein Blog gelesen hätte und überhaupt wisse, wer ich bin und was ich mache? Nein, natürlich nicht, und es schien durch, dass es doch wohl meine Aufgabe sein IHN zu informieren und zu überzeugen.

Grundsätzlich nicht falsch, aber ein wenig Interesse, Freundlichkeit, Höflichkeit und eine gute Portion der von Beratern so oft gerühmten Soft Skills, zu denen doch auch Empathie gehört, wäre von seiner Seite angebracht. Man kann nicht Kundenorientierung, Dienstleistung und Service erwarten, wenn man selbst nichts davon bietet. Man sollte auch zuhören, denn wenn mein Gegenüber mir mitteilt, sie sei krank, habe Schmerzen und den Text nur überflogen, fragt man, wann es passt, wünscht gute Besserung und legt auf.

Ja, Werbetexterei ist mein Beruf - und dafür werde ich bezahlt. Fragt man nach meiner Meinung, gehört diese zur Sparte Werbeberatung - und kostet Geld. Natürlich nicht die Erstberatung sowie der ein oder andere Tipp, aber die hatte ich ihm bereits geschenkt.

Zuhören ist für Werbetexter ganz wichtig, aber nicht zu Wort kommen, überrannt werden und selbst nicht gehört werden, nein, so läuft das nicht.

Ein Berater, der weder E-Mails verfassen noch telefonieren kann? Ganz schlechte Voraussetzung. Ich war dann doch ein wenig neugierig und machte mich auf die Suche nach seiner Webseite - und war geschockt, denn die ist optisch und inhaltlich schrecklich - und völlig unprofessionell.

Ich könnte ihm beibringen, wie die Sache mit der Werbung grundsätzlich funktioniert, dass eine Webseite eine Aussage haben sollte, dazu bitte übersichtlich ist und Kundennutzen beinhaltet - und Kontaktdaten in eine E-Mail gehören und nicht über ein Business-Plattform abgerufen werden müssen. Werbetexte sollen Kunden ansprechen, abholen und informieren - Texte sind der Wurm, der dem Fisch und nicht dem Angler schmecken muss. 

Ich bin mir ganz sicher, wenn ich den Herrn frage, wer seine Zielgruppe ist und wie er sein Alleinstellungsmerkmal definiert, hat er keine Antwort. Eine gesunde Basis, ein ausgefeiltes Konzept, einen professionellen Webdesigner, eine kompetente Texterin? Ach was, braucht er alles nicht. Er weiß das doch alles schon, kann alles und braucht nur jemanden, der ihm devot und kostenlos huldigt - danke, aber nicht mit mir. 

Lieber Coach, ich wünsche Dir ganz viel Erfolg und Glück - Du wirst es brauchen!

wortfeilchen 

PS. Manchmal passt es nicht, dann stimmt die Chemie nicht und man sollte von einem Projekt die Finger lassen. Das merkt man - und lässt es.

Kommentare:

Daniela hat gesagt…

Ja, was es nicht alles gibt. So eine Spezies ist mir zum Glück noch nicht begegnet, tzzzz.

Aber eine Sache: War es nicht der Wurm, der dem Fisch schmecken soll? :-)

AbidiText@aol.com hat gesagt…

Oooooooh, Finger weg! Wer so unprofessionell ist, kann nicht erfolgreich sein. Und wer keinen Erfolg hat, verdient nichts. Und wer nichts verdient, kann sich gute Texterinnen bestimmt nicht leisten. Umgekehrt würde natürlich ein Schuh draus ... Aber nicht, wenn die Chemie nicht stimmt.

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

@Daniela Absolut, ich habe mich wohl hinreißen lassen - und korrigiert :-)

wortfeilchen | barbara piontek hat gesagt…

@Heike Jo, ich dachte nur, kann man ja mal erwähnen, was einem so begegnet ;-)