Mittwoch, 4. November 2009

Mein Buchtipp: Erdbeerflecken von Mia Bernstein

Berufsbedingt schreibe und lese ich sehr viel, meine Anforderungen an gute Texte, die Geschichten erzählen, gleichzeitig fesseln und dabei auch noch eine ausgefeilte und schöne Sprache nutzen, sind dementsprechend hoch. Werbetexte und Internettexte sind, wenn sie authentisch und gut sind, mit viel Aufwand und Liebe zum Detail ausgestattet.

Ich weiß, wie zeitintensiv es manchmal sein kann, die richtigen Worte zu finden. Und da komme ich zu Mia Bernstein, deren Worte mich berühren. Sie lassen mich lächeln, nickend zustimmen, nachdenken. Sie ziehen mich an, sie stoßen mich ab. Ich erkenne mich wieder. Ich versinke darin.

Mia Bernstein fiel mir zuerst bei Twitter auf. Ihre Tweets erscheinen auf den ersten Blick kurz und schlicht, aber sie setzen sich von der Masse der mehr oder weniger nützlichen und amüsanten Aussagen ab. Schnell folgte ich ihr mit Begeisterung und lernte sie zu schätzen. Ihr Humor, ihre sprachliche Eloquenz und ihre offene Direktheit scheinen nur so aus ihr zu fließen. Gedankenscrabble nennt sie es. Pur passt auch. 

Dann lese ich auch sehr viele Bücher. Es ist ein Fest für mich, wenn ich ein neues Buch in den Händen halte, in eine andere Welt und die Gedanken eines anderen Menschens eintauche. Allein der Geruch eines neuen Buches erzeugt bei mir Gänsehaut und ich lese. Leider stoße ich dabei nicht allzu oft auf ein Buch, das meine Erwartungen erfüllt und meist endet es mit der Aussage: Er/sie hat sich redlich bemüht, aber mehr als ein nettes Buch ist dabei nicht rausgekommen.

Erdbeerflecken. Mia Bernstein hat ein Buch geschrieben. Da ist es. Ich frage mich, wann sie die Zeit dazu hatte - und will es unbedingt lesen. Dann liegt es vor mir. Duftet druckfrisch. Schlicht und reizvoll hat Michaela von Aichberger das Buch gestaltet. Optik und Inhalt passen zusammen, was auch nicht so oft vorkommt.



Ich lese. Nein, eigentlich sauge ich jede einzelne der 14 Geschichten auf. Nicke zustimmend, werde in eigenen Erinnerungen rot, rolle mit den Augen, fühle mich betroffen, ertappt und erkannt. Ich bin mittendrin, dabei sind es nicht einmal meine Geschichten oder meine Worte. Könnten sie aber, denn die Erkenntnisse von Mia Bernstein sind nicht neu, aber sie spricht sie aus: Realistisch, gefühlvoll und in allen Schattierungen. Mia Bernstein hat es drauf, das Spiel mit den Worten, die Akrobratik der Sprache. Das Leben und die damit verbundenen erfreulichen und schmerzhaften Erkenntnisse. Episoden, die vergessen schienen und wieder auftauchen.

Ich schwanke, welche Geschichte mir am besten gefällt. Spiel.Er.Ei. könnte es sein. Vertrauen ebenfalls. Aber eigentlich ist es Schuldig. Hier macht sich Mia Bernstein selbst den Prozess, sie hält Zwiesprache. Rhetorisch geschickt und phantasievoll hadert sie mit sich selbst. Humorvoll prangert sie die Unbilden ihres (und unseres) Lebens - und somit sich selbst - an. Sätze wie dieser sind es, die mich begeistern: Das Leben wollte sich nicht blicken lassen, typisch. Her mit dir, du lausiger Kerl, komm raus, damit wir dich sehen! Die Gestalt des Lebens musste furchterregend aussehen. (Mia Bernstein: Erdbeerflecken. Seite 104) Erkenntnisse, die besser nicht formuliert werden können, finde ich: Das Leben hielt einen zehnminütigen Vortrag, leider nuschelte es, Dolmetscher waren keine im Raum und ich konnte die Antwort nicht verstehen. (Mia Bernstein: Erdbeerflecken. Seite 105) Ich könnte seitenlang zitieren, mache ich aber nicht, das Buch soll schließlich gekauft werden.

Fazit?

Ein Wort kann so viel ausdrücken. Und Mia Bernstein hat das unleugbare Talent das richtige Wort an der richtigen Stelle zu kennen. Sie denkt es, sie sagt es, sie schreibt es. Sie lässt Emotionen frei - und nimmt mich mit. Sie berichtet über sich, ihre Erfahrungen, ihr Leben, aber auf eine Art, die dem Leser Raum für eigene Bilder und Reflektionen lässt. Dann kann nicht jeder. Aber jeder, der es schafft mit wenigen gut platzierten Worten eine solche Atmosphäre aufzubauen und mich nicht loszulassen, kann nur mein Buchtipp sein. Jeder, der mich animiert ein Buch noch einmal zu lesen und wieder andere Facetten zu entdecken, gehört zu mir. Danke Mia Bernstein. Danke Erdbeerflecken.

wortfeilchen

PS: Hier die Formalien, damit jeder von Euch sogleich losläuft und Erdbeerflecken kaufen kann:

Mia Bernstein: Erdbeerflecken
Taschenbuch: 136 Seiten
Verlag: Klare Texte + Bilder; Auflage: 1 (Ende Oktober 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3980959953
ISBN-13: 978-3980959957

Oder hier klicken.

Keine Kommentare: